{"id":182150,"date":"2019-10-15T20:43:32","date_gmt":"2019-10-15T18:43:32","guid":{"rendered":"http:\/\/fuldaer-nachrichten.de\/?p=182150"},"modified":"2019-10-15T20:43:32","modified_gmt":"2019-10-15T18:43:32","slug":"freiheit-und-demokratie-muss-man-sich-immer-erkaempfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=182150","title":{"rendered":"\u201eFreiheit und Demokratie muss man sich immer erk\u00e4mpfen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Brunolf Metzler, Jahrgang 1940, geboren im s\u00e4chsischen Merschwitz, war Tuchmacherlehrling, Sch\u00e4fer, Buchhalter, Bankkaufmann und Heimerzieher. Das Malen brachte er sich autodidaktisch bei und studierte Kunsterziehung an der Hochschule Erfurt. Zum Kunststudium selbst wurde er mehrfach abgelehnt: Zu kritisch hatte er sich bereits Anfang der Siebzigerjahre ge\u00e4u\u00dfert, als er sich beispielsweise anl\u00e4sslich der \u201eWeltfestspiele der Jugend und Studenten\u201c vor dem bulgarischen Fernsehen unter die westdeutschen Diskutanten gemischt hatte und \u2013 umringt von \u201eBlauhemden\u201c (Mitgliedern der FDJ) \u2013 Auskunft gab dar\u00fcber, wie es in der DDR mit der Meinungs- und Glaubensfreiheit bestellt sei. So hatte er deutliche Worte gefunden \u00fcber die Drangsalierung einer Kollegin, die in der Kirche aktiv war. Von da an wurden er und seine Familie nicht nur von der Stasi beobachtet. Metzler erhielt auch das Angebot, als Informant f\u00fcr den Geheimdienst zu arbeiten. Er lehnte es ab, wurde mit Berufsverbot bedroht und verzichtete damit auf Ausbildungs- und Karrierechancen. \u201eIch w\u00e4re auch in die Landwirtschaft zur\u00fcckgegangen\u201c, sagt Metzler r\u00fcckblickend. Am Ende durfte er zwar Kunsterzieher bleiben, aber er, der selbst in der Lehrerausbildung besch\u00e4ftigt war, durfte nur noch Grundsch\u00fcler unterrichten. Seine beiden \u00e4lteren T\u00f6chter, die beide konfirmiert waren, durften nicht studieren. \u201eWir waren nicht mehr frei, wurden bel\u00e4stigt und \u00fcberwacht \u2013 alles, was so \u00fcblich war\u201c, schildert Heike Metzler, ebenfalls Lehrerin. \u201eLetztendlich war alles zu verkraften, nur dass Briefe, die wir schrieben und bekommen sollten, verschwanden, fanden wir wirklich sehr bedr\u00fcckend.\u201c Und noch etwas fanden sie sehr schlimm: Dass \u00fcberall Misstrauen ges\u00e4t war, selbst in den Beziehungen. \u201eMan wusste nicht mehr, wem man was erz\u00e4hlen konnte, es herrschte ein Klima von Misstrauen und Angst\u201c, formuliert es Heike Metzler. Ihr Mann litt so sehr darunter, dass er krank wurde. Doch gemeinsam \u00fcberwanden sie Krankheit und Misstrauen: \u201eWir hatten uns vorgenommen, und davon nicht vereinnahmen zu lassen.\u201c So lebten sie schlie\u00dflich mit kleinen Fluchten in einem System, das sie einengte und bedrohte.<!--more--><\/p>\n<p>Bis zur Wende dauerte es da noch 15 Jahre. \u201eIrgendwann h\u00f6rte ich von Glasnost im Radio\u201c, erinnert sich Brunolf Metzler. Und er h\u00f6rte von einem Zusammenschluss von Menschen, die f\u00fcr eine Erneuerung der DDR eintraten. Zun\u00e4chst noch z\u00f6gerlich, \u00f6ffneten ihm Geschehnisse im ganz privaten Bereich die Augen: Die \u00e4lteste Tochter des Ehepaars hatte anl\u00e4sslich der Kommunalwahl im Mai 1989 \u2013 die Einheitsliste der Nationalen Front erreichte nach offizieller Darstellung eine Zustimmung von 99% &#8211; still vor der Volkskammer demonstriert und daf\u00fcr Schl\u00e4ge und Gef\u00e4ngnis kassiert. Nun war klar, dass sie sich deutlicher positionieren mussten, Teil der Ver\u00e4nderung werden, die sich w\u00fcnschten. \u201eWir wussten, dass etwas passieren muss, auch wenn wir das Ziel zu dieser Zeit noch gar nicht genau kannten\u201c, gibt Brunolf Metzler zu bedenken. Im Neuen Forum sammelten sich alle Menschen, die etwas ver\u00e4ndern wollten in ihrem Land: Christen, Atheisten, auch Sozialisten oder Revanchisten. Von der Abschaffung der DDR aber war man \u2013 zumindest in weiten Teilen \u2013 weit entfernt. \u201eWir haben eher zu Aktionen motiviert, waren Koordinatoren und Ansprechpartner. Und ganz klar: \u201eEin vereintes Deutschland fand ich komplett abwegig\u201c, so Metzler, w\u00e4hrend seine Frau es sich schon habe vorstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Aufbruch auf der einen Seite bedeutete weitere Repressalien auf der anderen: \u201eNachbarn flehten uns an, ihre Kinder von Aktionen fernzuhalten\u201c, blickt Heike Metzler zur\u00fcck. Sie und ihr Mann selbst hatten mit Vertrauten schon ganz andere Abmachungen getroffen: Das Ehepaar stand auf einer Liste von Regimegegnern, f\u00fcr die eigens ein Lager errichtet werden sollte. \u201eWir hatten schon eine Nummer daf\u00fcr, die wichtigsten Unterlagen schon in einer Kiste vergraben und unsere Kinder schon auf Bekannte verteilt.\u201c Dieser Alptraum wurde nicht wahr, da die Realit\u00e4t in Form der Wiedervereinigung ihn einholte. \u201eDass diese Wende bevorstand, ahnten wir nicht, und wir hatten gro\u00dfe Angst damals, besonders um unsere Kinder.\u201c<\/p>\n<p>Am Tag des Mauerfalls war Brunolf Metzler zu einer politischen Veranstaltung in der Liebenwalder Kirche; viele Menschen waren dort, und als ein Zettel durch die Reihen ging, auf dem stand, dass die Mauer gefallen sei, konnte er erst nicht glauben. \u201eIch dachte, nun rennen alle raus und wollen es sehen und feiern und in den Westen gehen, aber alle blieben\u201c, erinnert er sich. Bei Metzlers zuhause kam die Tochter mit der Nachricht, die sie im Westfernsehen geh\u00f6rt hatte. \u201eWir dachten erst, wir m\u00fcssten schnell in den Westen, bevor die Mauer wieder zugeht. Nicht dass wir die einzigen gewesen w\u00e4ren, die dann noch in der DDR geblieben waren\u201c, denkt Heike Metzler zur\u00fcck. Es kam anders, wie man wei\u00df, die Mauer fiel dauerhaft, und Metzlers nutzten wie viele andere Ostdeutschen die neue Freiheit zum Reisen. Als kulturbegeisterte Menschen zog es sie zu allererst nach Frankreich ins Burgund, wo sie sich alte r\u00f6mische Kirchen anschauten, die sie vorher nur aus B\u00fcchern gekannt hatten. Metzler hatten gro\u00dfe Hoffnungen im neuen Deutschland: \u201eNat\u00fcrlich hofften wir auf Freiheit und auf Demokratie. W\u00e4hrend wir kurz vor der Wende noch auf einer Liste von Systemkritikern standen, waren unsere \u00c4ngste, auch die Sorgen um unsere T\u00f6chter auf einen Schlag so gut wie weg\u201c, berichtet Heike Metzler. Nach der Wende stellte das Ehepaar einen Antrag auf Einblick in seine Stasi-Akte. \u201eDie war aber geschreddert, und als sie endlich wiederhergestellt war, interessierte es uns nicht mehr\u201c, so Metzler. Der Blick zur\u00fcck h\u00e4tte ja nichts ver\u00e4ndert. Schon bald nach der Wiedervereinigung wurde Brunolf Metzler Gymnasiallehrer, eine sp\u00e4te Genugtuung, wie er sagt. Mit Freiheit und Demokratie haben sich ihre Hoffnungen, die sie mit der Wende hatten, erf\u00fcllt. \u201eDie ersten freien Wahlen waren ein Erlebnis!\u201c<\/p>\n<p>Heute leben beide in Schlitz im Vogelsberg, ganz in der N\u00e4her der Familie der j\u00fcngsten Tochter, die dort mit einem evangelischen Pfarrer verheiratet ist. Was sie in ihrer alten Heimat Ostdeutschland erkennen, ist, dass bei vielen Menschen die Leidenschaft und das Engagement f\u00fcr die Demokratie und ihre Werte bald nach der Wende zum Erliegen gekommen sind, schlimmer noch, dass die Demokratie f\u00fcr all das verantwortlich gemacht wird, was f\u00fcr Einzelne vielleicht entt\u00e4uschend und schwer war und immer noch ist. \u201eDie Demokratie ist das kostbarste Gut, das uns gegeben wurde\u201c, so Brunolf Metzler. Warum es nun, 30 Jahre nach dem Mauerfall, immer noch so schwierig ist, dieses hohe Gut in den immer noch \u201eneuen Bundesl\u00e4ndern\u201c zu sch\u00e4tzen, liegt f\u00fcr die Metzlers in der DDR-Sozialisation und dem Leben dort: \u201eIn der DDR war letztlich f\u00fcr alle gesorgt \u2013 wie und warum auch immer. Danach sehnen sich viele Menschen immer noch. Aber Freiheit und Demokratie bedeuten auch Verantwortung, man muss immer daf\u00fcr k\u00e4mpfen. Diese Erkenntnis w\u00fcnsche ich mir besonders f\u00fcr die Menschen in Ostdeutschland\u201c, so Brunolf Metzler, und seine Frau f\u00fcgt hinzu: \u201eViele Menschen im Osten Deutschlands sind unzufrieden \u2013 meiner Meinung nach v\u00f6llig zu Unrecht. Den meisten geht es gut, und ich w\u00fcnschte mir so sehr, dass sie mehr von ihren demokratischen Rechten Gebrauch machen.\u201c Dennoch ist sie hoffnungsvoll: \u201eIch bin sicher, dass Ost und West zusammenwachsen werden, aber es wird noch eine ganze Weile dauern.\u201c<\/p>\n<p>Am kommenden Freitag, dem 18. Oktober, spricht Brunolf Metzler im DGH in Hutzdorf. Dort zeigt die Evangelische Kirchengemeinde anl\u00e4sslich des Mauerfall-Jubil\u00e4ums einen Film \u00fcber eine gewagte Flucht aus der DDR. Danach wird Brunolf Metzler \u00fcber seine pers\u00f6nlichen Erlebnisse zur Wende-Zeit berichten. Der Abend beginnt um 19 Uhr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>Brunolf Metzler, Jahrgang 1940, geboren im s\u00e4chsischen Merschwitz, war Tuchmacherlehrling, Sch\u00e4fer, Buchhalter, Bankkaufmann und Heimerzieher. Das Malen brachte er sich autodidaktisch bei und studierte Kunsterziehung an der Hochschule Erfurt. 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