{"id":179936,"date":"2019-04-30T07:56:04","date_gmt":"2019-04-30T05:56:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/?p=179936"},"modified":"2019-04-30T07:56:06","modified_gmt":"2019-04-30T05:56:06","slug":"diese-erfahrungen-wuensche-ich-niemandem-karsten-koehler-berichtet-als-zeitzeuge-vom-dem-schweigenden-klassenzimmer-in-storkow","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=179936","title":{"rendered":"\u201eDiese Erfahrungen w\u00fcnsche ich niemandem\u201c &#8211; Karsten K\u00f6hler berichtet als Zeitzeuge vom dem \u201eSchweigenden Klassenzimmer\u201c in Storkow"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn \u2013 wie in diesen Tagen \u2013 junge Menschen vor dem Abitur stehen, dann besch\u00e4ftigt sie das Lernen, das Pl\u00e4neschmieden f\u00fcr die Zukunft. Vielleicht bereiten sie eine Auslandsreise vor, suchen sich einen Job, f\u00fchren Bewerbungsgespr\u00e4che, planen einen Umzug. Was sie sich sicher nicht vorstellen k\u00f6nnen, ist ihr Land, ihre Familie, ihre alten Freunde f\u00fcr immer hinter sich zu lassen, um im Alter von 18 oder 19 Jahren allein in eine andere, weit entfernte und aus politischen Gr\u00fcnden bald f\u00fcr fast immer unerreichbare Stadt zu ziehen. Genau das haben Karsten K\u00f6hler und fast seine komplette Schulklasse 1956 getan. Sie lebten in Storkow, einer brandenburgischen Kleinstadt und standen kurz vor dem Abitur. Doch nach f\u00fcnf Schweigeminuten f\u00fcr die Opfer der Niederschlagung des Ungarn-Aufstands war alles anders. Die jungen Menschen erlebten, wozu die Staatsf\u00fchrung der DDR f\u00e4hig war: Am Ende wurde eine ganze Klasse landesweit vom Abitur ausgeschlossen und 16 der 20 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler verlie\u00dfen ihr Land \u2013 ihre Familien sahen die meisten von ihnen erst wieder, als \u00fcber drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter endlich die Mauer fiel.<br>\nDietrich Garstka, einer der damaligen Abiturienten, der sp\u00e4ter in Westdeutschland Abitur machte und Lehrer wurde, hat die Erlebnisse des Jahreswechsels 1956\/57 in seinem Buch \u201eDas schweigende Klassenzimmer\u201c verarbeitet, 2018 wurde die Verfilmung uraufgef\u00fchrt und seitdem reist Karsten K\u00f6hler, seinerzeit Klassensprecher, durch die Republik, um als Zeitzeuge von den ungeheuerlichen Vorf\u00e4llen zu berichten. Im April war er zu Gast an der Albert-Schweitzer-Schule, wo er den dortigen Abiturienten jenseits des Wissens aus Geschichtsb\u00fcchern und Internet erz\u00e4hlte, was es bedeutete, ein Staatsfeind zu sein.<br>\nGemeinsam mit ihren Geschichtslehrern Dr. Florian Meister und Thomas Weidemann hatten die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler aus den Geschichtsleistungskursen der Q4 sich im Unterricht bereits auf das Thema vorbereitet. Als Gastsch\u00fcler war der Deutsch-Leistungskurs des Schwalmgymnasiums in Alsfeld, der sich dem Thema mit Blick auf die literarische Aufarbeitung gen\u00e4hert hatte. Auch den Film hatten die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler im Vorfeld der Veranstaltung mit Karsten K\u00f6hler bereits gesehen. Und das war gut so, denn der ehemalige Klassensprecher hatte viel zu erz\u00e4hlen, und die Abiturienten folgten ihm gespannt \u2013 schlie\u00dflich blieb stets der Bezug zu ihrem eignen Alter, etwa wenn K\u00f6hler von der psychischen Bedrohung durch die Schulleitung sprach, von dem Druck, der auf die Familien der Sch\u00fcler, aber auch von den Familien selbst ausge\u00fcbt wurde. Und von den Ereignissen, die zu der Flucht nach Westberlin und sp\u00e4ter nach Hessen gef\u00fchrt haben. Dabei haben sie alle versucht, zusammenzubleiben oder sich zumindest in dem Fl\u00fcchtlingslager Marienfelde wieder zu treffen, wie K\u00f6hler berichtete: \u201eWir waren sechzehn, und in diesen Zeiten kamen jeden Monat 10.000 Menschen aus Ostdeutschland in den Westen, die Mauer war ja noch nicht errichtet, die Kontrollen noch nicht so rigoros. Da kann man sich vorstellen, dass das nicht einfach war. Aber uns war klar, dass wir nur als Klasse gemeinsam weiterkommen. Unser Ziel war es ja, das Abitur zu machen.\u201c <br>\nZun\u00e4chst erz\u00e4hlte K\u00f6hler davon, wie der Film entstand, welche dramaturgische Freiheiten sich der Regisseur nahm und wie und wo gedreht wurde. Er berichtete von Storkow, seiner Heimatstadt \u2013 dem \u201eAush\u00e4ngeschild daf\u00fcr, wie ein sozialistisch t\u00e4tiger Arbeiter in der DDR wohnt.\u201c Mit Blick auf die Pr\u00e4sentationen der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, die viele Informationen zum Bespitzelungssystem und der Unterdr\u00fcckung von B\u00fcrgern in der DDR zusammengetragen hatten, sagte K\u00f6hler, dass eine solche Aufarbeitung noch in den 90er-Jahren in Ostdeutschland nicht gut angekommen sei. \u201eAber es ist gut, wenn ihr euch das alles nicht vorstellen k\u00f6nnt.\u201c Geduldig und gewissenhaft beantwortete K\u00f6hler die Fragen aus der Sch\u00fclerschaft. So erfuhren die jungen Leute im Publikum, wer die Idee zur Schweigeminute hatte und dass es die Klasse tats\u00e4chlich schaffte, den von Politik und Schulleitung damals gesuchten \u201eR\u00e4delsf\u00fchrer\u201c noch bis vor wenigen Jahren geheim zu halten. \u201eWir kannten ja das System\u201c, erz\u00e4hlte K\u00f6hler, \u201ein Diktaturen braucht man immer einen R\u00e4delsf\u00fchrer, einen Verantwortlichen, aber niemand von uns gab einen Namen preis.\u201c Dennoch: \u201eIn den Kreuzverh\u00f6ren f\u00fchlten wir uns alle beschissen. Wir wussten ja nicht, ob nicht doch einer einknickt. Der Druck war gro\u00df, die Angst auch, und uns blieb nur, uns gegenseitig zu vertrauen. Ich w\u00fcnsche keinem, wirklich keinem, dass er das erlebt, was wir zwischen dem 13. und 21. Dezember 1956 erlebt haben. Den Aufenthalt in der Zelle in Hohensch\u00f6nhausen, den vergesse ich nie.\u201c<br>\nAls Sch\u00fcler hatten K\u00f6hler, Garstka und ihre Mitsch\u00fcler \u2013 nachdem sie mit viel Unterst\u00fctzung als ganze Klasse nach Bensheim kamen und dort mit einem Jahr Versp\u00e4tung ihr Abitur machten \u2013 ein Jahr verloren. Als junge Menschen mussten sie den Verlust ihrer Familie, ihrer Freunde und ihres alten Lebens verkraften. Nicht alle hatten ihren Eltern von der geplanten Flucht erz\u00e4hlt. Post von Ost nach West dauerte Wochen und wurde von der Stasi ausgiebig kontrolliert. Die Angst um die Familie in der DDR blieb. Die Stasi ging dort ein und aus, doch \u201eman konnte im l\u00e4ndlichen Raum relativ gut abtauchen \u2013 zumal der Ort selbst das Geschehen nicht an die gro\u00dfe Glocke h\u00e4ngen wollte\u201c, wie K\u00f6hler berichtete. So lebten die Familien in der DDR weiter. Und w\u00e4hrend K\u00f6hlers Restfamilie noch rechtzeitig \u00fcber Westberlin ausreiste \u2013 durch einen unterirdischen Gang der Charit\u00e9 \u2013, verloren die meisten seiner Mitsch\u00fcler nach dem Mauerbau und der Schlie\u00dfung der Grenzen den Kontakt zu ihren Familien. \u201eUnd wenn man drei\u00dfig Jahre lang kaum kommuniziert hat, gibt es keinen Faden, den man einfach so weiterspinnen kann. Dieser Verlust war eine schlimme Folge der Flucht\u201c, res\u00fcmierte K\u00f6hler. <br>\nWenn K\u00f6hler, inzwischen selbst 80 Jahre alt, von seinen Erlebnissen erz\u00e4hlt, ist kein Groll dabei, keine Verbitterung. K\u00f6hler bleibt zugewandt, offen. Zu seiner Motivation befragt, gibt er an, dass seine Generation, die Zeitzeugen, nicht mehr viel bewirken k\u00f6nnen als von ihren Erfahrungen zu berichten: \u201eEtwas ver\u00e4ndern, sich f\u00fcr die Demokratie und gegen autorit\u00e4re Systeme einsetzen, das k\u00f6nnen nur die jungen Menschen \u2013 sie will ich erreichen.\u201c<br>\nEine besondere Veranstaltung hatte der stellvertretende Schulleiter Christian Bolduan angek\u00fcndigt, mitgetragen vom F\u00f6rderverein der Schule. Er sollte Recht behalten, denn die Erz\u00e4hlungen und die Antworten von Karsten K\u00f6hler werden noch lange in der Erinnerung der jungen Menschen bleiben und eine weitere Facette der ost- und westdeutschen j\u00fcngeren Geschichte bilden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/2019-04-12_Ko\u00cc\u02c6hler-1-Vortrag-600x400.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-179937\"\/><figcaption>Engagiert und empathisch: Karsten K\u00f6hler w\u00e4hrend seines Besuchs in der Albert-Schweitzer-Schule.\n<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/2019-04-12_Ko\u00cc\u02c6hler-2-Pra\u00cc\u02c6sentationen-600x400.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-179938\"\/><figcaption>Viel Interesse herrschte vor den Pr\u00e4sentationstafelnd der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler. Auch Karsten K\u00f6hler mischte sich unter das Publikum.\n<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>Wenn \u2013 wie in diesen Tagen \u2013 junge Menschen vor dem Abitur stehen, dann besch\u00e4ftigt sie das Lernen, das Pl\u00e4neschmieden f\u00fcr die Zukunft. Vielleicht bereiten sie eine Auslandsreise vor, suchen sich einen Job, f\u00fchren Bewerbungsgespr\u00e4che, planen einen Umzug. 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