{"id":179761,"date":"2019-04-29T09:39:08","date_gmt":"2019-04-29T07:39:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/?p=179761"},"modified":"2019-04-29T09:39:09","modified_gmt":"2019-04-29T07:39:09","slug":"kritiker-der-sklavenhaltung-aber-kein-revolutionaer-aktivitaeten-im-humboldt-jahr-latein-humboldts-einstellung-zur-sklaverei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=179761","title":{"rendered":"Kritiker der Sklavenhaltung, aber kein Revolution\u00e4r &#8211; Aktivit\u00e4ten im Humboldt-Jahr \u2013 Latein: Humboldts Einstellung zur Sklaverei"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/220px-0_Portrait_de_Se\u00cc\u0081ne\u00cc\u20acque_dapre\u00cc\u20acs_lantique_-_Lucas_Vorsterman.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-179763\"\/><figcaption>Der r\u00f6mische Philosoph Seneca sah in den Sklaven auch Menschen und mahnte die Herren zu einem guten Umgang mit ihnen.\n<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alexander von Humboldt, Namensgeber des Lauterbacher Gymnasiums, war mehr als nur ein Naturwissenschaftler, er war Reisender, Gelehrter, Philosoph und akribischer Dokumentar. Im Jahr seines 250. Geburtstages besch\u00e4ftigt sich das Alexander-von-Humboldt-Gymnasium mit den vielen Facetten des Schaffens Humboldts, und die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sowie die Lehrkr\u00e4fte stellten schnell fest, dass sich der Universalgelehrte unz\u00e4hligen Themen widmete, die heute so gut wie jedes Schulfach tangieren. Auch die beiden Lateinkurse der E-Phase unter der Leitung von Ulrike Walter, Sabine Hausen und Ramona Grebe fanden Ankn\u00fcpfungspunkte in Humboldts Schaffen, die sie in Bezug zu ihrem Unterricht setzen konnten: die Sklavenhaltung, die sowohl die Gelehrten der Antike besch\u00e4ftigte als auch von Alexander von Humboldt auf seiner S\u00fcdamerikareise dokumentiert wurde.<br>\nIn einem Tagebuch des Reisenden, das lange Zeit als verschollen galt und erst vor drei Jahren gefunden wurde, schrieb Humboldt \u00fcber die uns\u00e4glichen Qualen, die Sklaven auf den \u00dcberfahrten, den M\u00e4rkten und unter ihren Herren zu erleiden hatten. Behandelt wie Tiere oder Ware, waren sie der Willk\u00fcr der Wei\u00dfen ausgeliefert, seien es die Seeleute oder H\u00e4ndler, ihre Herren oder die Staatsmacht. Neben den Schilderungen des Unrechts und der Gewalt, der die Sklaven ausgesetzt waren, stellte sich der Forscher auch die Frage, warum diese ihr Schicksal ertrugen und sich nicht gewaltsam wehrten \u2013 stellten sie doch durch ihre schiere Anzahl eine gro\u00dfe Macht dar. Obwohl Humboldt offenbar versuchte, ein, zwei Sklaven durch einen Freikauf ein menschenw\u00fcrdiges Leben zu erm\u00f6glichen, setzte er sich auf keiner anderen Ebene f\u00fcr einen gesellschaftlichen Wandel ein, der ja nicht nur in Amerika h\u00e4tte beginnen m\u00fcssen, sondern in Europa; waren die Herren in Kuba, von wo Humboldt schrieb, doch Spanier. Der Gelehrte verharrte in der Rolle des Forschenden, Beschreibenden, des Dokumentars, der zwar auch und gerade in Europa explizit und unter einem humanit\u00e4ren Aspekt den Umgang mit den Sklaven anprangerte, aber zu keiner Zeit aktiv dagegen vorging.<br>\nAuch in den Schriften Senecas und Plinius\u00e2\u20ac\u02dc ist viel \u00fcber die Sklavenhaltung in der Antike zu lesen, wie die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler der E-Phase in Erfahrung brachten. Auch in dieser Zeit litten die Sklaven unter Willk\u00fcr und Misshandlung, waren Rechtlose wie Humboldt sie noch Anfang des 19. Jahrhunderts beschrieb. Nur einige wenige hatten es etwas besser. Sie waren in einer eigenen Hierarchie so weit gestiegen, dass ihre Herren sie mitunter nur ungern einfach so austauschten: Gebildete Haussklaven standen h\u00f6her im Rang, viel h\u00f6her noch als Lohnarbeiter, die in keinem Besitzverh\u00e4ltnis zu den Reichen und M\u00e4chtigen standen und daher materiell wertlos waren. Bestimmte Sklaven jedoch stellten einen Wert dar, der erhaltenswert war.<br>\nW\u00e4hrend Humboldt sich wunderte, dass die Sklaven sich nicht wehrten, schildert Plinius eine Rachetat der Geschundenen an ihrem Herrn, den sie \u2013 wehrlos im Bade \u2013 zusammenschlagen und vermeintlich tot auf den hei\u00dfen Fliesen liegen lassen. Der Herr jedoch \u00fcberlebt, wenn auch nur kurz. In der ihm verbleibenden Zeit l\u00e4sst er alle an dem Aufstand Beteiligten t\u00f6ten und beh\u00e4lt so, wenn auch mit dem Tod vor Augen, die Oberhand. Plinius\u00e2\u20ac\u02dc Schriften lassen den Schluss zu, dass er seine Sklaven gut behandelte, ihnen gewisse Rechte und Freiheiten einr\u00e4umte, wenngleich er die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Sklavenhaltung an sich nicht anzweifelte und die Sklaven in ihrem Verhalten mit Tieren verglich. <br>\nSeneca hingegen sah Sklaven als Menschen: \u201eWillst du bedenken, dass der, den du einen Sklaven nennst, aus demselben Samen entstanden ist, denselben Himmel genie\u00dft, gleich atmet, gleich lebt und gleich stirbt.\u201c Der r\u00f6mische Philosoph gab zu, dass er und seinesgleichen im Umgang mit Sklaven \u00fcberheblich und grausam seien, aber er wollte dieses Thema nicht diskutieren und l\u00e4sst dabei nicht nur Parallelen zu Humboldt erkennen, sondern dringt bis in die heutige Zeit vor, wo Menschen reicher L\u00e4nder die Ausbeutung armer Menschen f\u00fcr ihren Wohlstand und Konsum wissend in Kauf nehmen. Dennoch pr\u00e4gte Seneca mit seinem Appell \u201eDu sollst so mit deinem Untergebenen leben, wie du m\u00f6chtest, dass ein H\u00f6hergestellter mit dir lebt\u201c eine fr\u00fche Form des Sprichwortes \u201eWas du nicht willst, dass man dir tu, das f\u00fcg\u00e2\u20ac\u02dc auch keinem andern zu\u201c. Au\u00dferdem k\u00f6nne sich nach Seneca die Zeit auch drehen: Aus Herrschern k\u00f6nnten Beherrschte werden und umgekehrt.<br>\nIn ihrer Besch\u00e4ftigung mit der Sklavenhaltung \u00fcber einen so langen Zeitraum hinweg \u2013 von der Antike bis ins 19. Jahrhundert \u2013 erarbeiteten die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler viele Parallelen und sie erkannten, dass die drei Gelehrten, mit denen sie sich befassten, immer als Menschen in ihrer Zeit zu verstehen sind. F\u00fcr Alexander von Humboldt bedeutete dies, dass Revolution ihm trotz aller humanistischer Ideen nicht in den Sinn kam.<br>\n\u201eEs war ein hoch interessanter, bisher noch nicht dagewesener Ansatz f\u00fcr dem Lateinunterricht\u201c, so Ulrike Walter zu dem Vergleich Humboldt \u2013 Antike mit dem Fokus der Sklavenhaltung. \u201eEin Ansatz, den wir so sicher weiterverfolgen werden.\u201c Und das \u2013 Weiterdenken anhand neuer Erkenntnisse und Ergebnisse \u2013 w\u00e4re ganz sicher auch im Sinne Alexander von Humboldts.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>Alexander von Humboldt, Namensgeber des Lauterbacher Gymnasiums, war mehr als nur ein Naturwissenschaftler, er war Reisender, Gelehrter, Philosoph und akribischer Dokumentar. Im Jahr seines 250. 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