{"id":178346,"date":"2019-03-04T20:12:33","date_gmt":"2019-03-04T19:12:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/?p=178346"},"modified":"2019-03-04T20:12:35","modified_gmt":"2019-03-04T19:12:35","slug":"prof-dr-diethelm-wahl-ueber-lerntempi-das-plastische-gehirn-und-kalkulierten-anstrengungsverzicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=178346","title":{"rendered":"Prof. Dr. Diethelm Wahl \u00fcber Lerntempi, das plastische Gehirn und kalkulierten Anstrengungsverzicht"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er ist Professor f\u00fcr P\u00e4dagogische Psychologie, Mentaltrainer f\u00fcr Spitzensportler und er kennt als Lehrer an Schulen und Hochschulen die deutsche Lernkultur wie kaum ein anderer: Prof. Dr. Diethelm Wahl forscht seit Jahrzehnten \u00fcber wirkungsvollen Unterricht und hat zahlreiche Ver\u00f6ffentlichungen dazu verfasst. Am vergangenen Dienstag war er einen Tag lang zu Gast an der Alexander-von-Humboldt-Schule, wo er gemeinsam mit dem Kollegium lernwirksame Unterrichtsprozesse erarbeitete \u2013 nicht \u201eweil wir es n\u00f6tig h\u00e4tten, sondern weil wir immer noch besser werden wollen\u201c, wie Joachim Gerking, stellvertretender Schulleiter und verantwortlich f\u00fcr Unterrichtsentwicklung an dem Lauterbacher Gymnasium, zur Er\u00f6ffnung der Abendveranstaltung f\u00fcr Eltern mit Prof. Wahl unterstrich.<br>\n\u201eEs ist von gro\u00dfer Bedeutung, dass nicht nur Lehrende wissen, wie es geht, sondern dass auch Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sowie ihre Eltern die Sprache des Lernens sprechen\u201c, f\u00fchrte Gerking in den Abend ein. Aus diesem Grund bietet die AvH auch der Elternschaft immer wieder an, vom Wissen ihrer Referenten zu profitieren.<br>\n\u201eWas ist ein Genitiv-Attribut?\u201c \u201eWas ist der Zusammenhang zwischen Alkanen, Alkenen und Alkinen?\u201c \u2013 Mit diesen und anderen Fragen aus der Schulzeit stieg der Lehr- und Lernexperte in das Thema des Abends ein, denn nur wenige Menschen k\u00f6nnen sich an diese Themen erinnern \u2013 sowohl in Studien als auch im Publikum vor Ort. Doch wie kommt es, dass Menschen sich wenig merken und dazu noch viel vergessen? Wie effektiv ist das schnelle Lernen vor einer Arbeit und warum scheitern so viele Menschen am nachhaltigen, weil permanenten Lernen, das eine l\u00e4ngere Erinnerungsdauer mit sich bringt?<br>\nAuf seiner Suche nach Antworten auf diese Fragen nahm Prof. Wahl seine Zuh\u00f6rer in der Aula der AvH mit auf eine Reise in die Neuropsychologie: \u201eDas Hirn ist plastisch.\u201c Alles Erlernte setze sich in einem dicken Strang von Neuronenverbindungen auf der Gro\u00dfhirnrinde nieder und sei dort nachweisbar. \u201eAuch Sie werden heute Abend mit einem ver\u00e4nderten Gehirn hier rausgehen\u201c, prophezeite der Redner, der darlegte, dass Synapsen im Gehirn durch Gebrauch breiter werden und durch Nichtgebrauch schmaler. Wissen kann auf diese Weise also verst\u00e4rkt werden oder auch verlorengehen. Einblicke in die verschiedenen Gehirnareale unterschiedlicher Menschen und Berufsgruppen machten deutlich, wohin der Professor steuerte: So war bei Taxifahrern, die vor der Zeit der Navigationssysteme das Londoner Stra\u00dfennetz auswendig k\u00f6nnen mussten, der Hippocampus st\u00e4rker ausgepr\u00e4gt. Analoges lie\u00df sich f\u00fcr Musiker nachweisen. Fazit: Das Hirn w\u00e4chst mit seinen Anforderungen, ist gleicherma\u00dfen Ursache und Folge von Lernprozessen und kann umso mehr leisten, je mehr es gefordert wird. Damit verwies der Experte auch die Relevanz von Begabungen in das Reich der Bedeutungslosigkeit \u2013 hinter Genialit\u00e4t stecke in der Regel fr\u00fches und intensives \u00dcben und Auseinandersetzen mit einem Thema.<br>\nAuch zum Thema Intelligenz \u00e4u\u00dfert sich der Redner: Entgegen den Einsch\u00e4tzungen des Publikums, das mehrheitlich der Meinung war, die jungen Menschen heute seien genauso intelligent wie oder weniger intelligent als ihre Vorg\u00e4ngergeneration, h\u00e4tten Studien gezeigt, dass die junge Generation an Intelligenzpunkten zugelegt habe: \u201eSo schwer es uns f\u00e4llt es zuzugeben: Die jungen Leute heute sind intelligenter als wir\u201c. so der Professor. Das liege zum einen an dem unendlichen Input, den die Informationsgesellschaft liefere, zum anderen aber auch an den anregungsreichen Umgebungen und der Unterst\u00fctzung durch die Elternh\u00e4user.<br>\nDas Geheimnis erfolgreichen Lernens machte Prof. Wahl in der Ber\u00fccksichtigung der unterschiedlichen Lerntypen aus: Intelligenz, Vorkenntnisse, Lernstrategie, Lerntempo und Aufmerksamkeit bestimmten, wieviel von einem gewissen Stoff aufgenommen werde. Dazu komme die Tatsache, dass man \u2013 egal, wie gut ein Vortrag aufbereitet sei \u2013 selten l\u00e4nger als acht bis zehn Minuten aufmerksam folgen k\u00f6nne. Studien zufolge blieben selbst Medizinstudenten (oder Studierenden, die einem Vortrag des Lernexperten Prof. Wahl folgten) maximal 20 bis 23% des Geh\u00f6rten im Ged\u00e4chtnis.<br>\nAls Konsequenz aus all diesen Erkenntnissen r\u00e4t Prof. Wahl zu verschiedenen Ma\u00dfnahmen im schulischen Unterricht: Individuellen Lerntempi solle mit dem Verzicht auf Zeitvorgaben zum L\u00f6sen von Aufgaben Rechnung getragen werden. Lernduette, also Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, die etwa gleich schnell sind, k\u00f6nnten gemeinsam arbeiten und so Frust auf der einen Seite oder Langeweile auf der anderen Seite vermeiden. Kurze Input-Phasen k\u00f6nnten von l\u00e4ngeren Vertiefungsphasen, in denen die Lernenden selbst aktiv sein m\u00fcssen, abgel\u00f6st werden \u2013 das sogenannte Sandwich-Prinzip. \u201eWer langsamer vorgeht, kommt schneller voran\u201c, so eine Devise des Konzepts von Prof. Wahl, der damit das Wechselseitige Lehren und Lernen (WeLL) propagiert. Zum erfolgreichen Lernen geh\u00f6re auch, dass man den Lernenden f\u00fcr das lobt, was er kann. Studien h\u00e4tten gezeigt, dass es immer die Besten sind, die sich noch steigern, w\u00e4hrend die schlechteren Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, die das Gef\u00fchl h\u00e4tten, dass ihre eigenen F\u00e4higkeiten ohnehin nicht ausreichten, sich weniger anstrengen, als sie m\u00fcssten und k\u00f6nnten. Sie resignieren und erliegen dem \u201eparadoxen Motivationseffekt\u201c. \u201eSolche Menschen sind nicht faul\u201c, so der Experte, \u201esie \u00fcben kalkulierten Anstrengungsverzicht.\u201c Lob und Anerkennung k\u00f6nnten aus diesem Kreislauf heraushelfen.<br>\n\u201eHaben Sie 23% behalten?\u201c Mit dieser Frage verabschiedete sich Prof. Dr. Wahl nach einem knackigen, abwechslungsreichen und auch witzigen Vortrag. Wieviel davon behalten und von dem am Ende umgesetzt werden kann, das wird sich zeigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>Er ist Professor f\u00fcr P\u00e4dagogische Psychologie, Mentaltrainer f\u00fcr Spitzensportler und er kennt als Lehrer an Schulen und Hochschulen die deutsche Lernkultur wie kaum ein anderer: Prof. Dr. Diethelm Wahl forscht seit Jahrzehnten \u00fcber wirkungsvollen Unterricht und hat zahlreiche Ver\u00f6ffentlichungen dazu verfasst. 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