{"id":175151,"date":"2018-07-12T08:58:46","date_gmt":"2018-07-12T06:58:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/?p=175151"},"modified":"2018-07-12T08:58:46","modified_gmt":"2018-07-12T06:58:46","slug":"hobbyforscher-peter-heil-erlaeutert-die-hintergruende-zu-einer-anekdote-aus-oberkalbach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=175151","title":{"rendered":"Hobbyforscher Peter Heil erl\u00e4utert die Hintergr\u00fcnde zu einer Anekdote aus Oberkalbach"},"content":{"rendered":"<p>Eine Heldentat, eine Liebe gegen den Willen der Familie und ein \u00dcberfall: Die Ingredienzien einer \u00fcber hunderte Jahre tradierten Erz\u00e4hlung aus Oberkalbach w\u00fcrden Stoff genug f\u00fcr einen spannungsgeladenen Roman bieten. Tats\u00e4chlich ist es jedoch nur eine kurze Anekdote dar\u00fcber, wie jemand zu einem B\u00fcrgermeisteramt kam. Und spannender als die Geschichte selbst ist ihr historischer Kern.<\/p>\n<p>Unter dem Titel \u201eWie die Oberkalbacher einmal einen Scholtes bekamen\u201c hat einst Klaus V\u00f6gler die Geschehnisse notiert. Nachzulesen ist sie unter anderem in der Oberkalbacher Jubil\u00e4umschronik. Der Hauptprotagonist und sp\u00e4tere Scholtes, also Schultheis oder eine Art B\u00fcrgermeister, ist ein junger Feldwebel namens Krieger. Dieser stammte aus Kassel, wurde beim \u201eK\u00f6tzebauer\u201c in Oberkalbach w\u00e4hrend des Siebenj\u00e4hrigen Krieges (1756 \u2013 1763) einquartiert und verliebte sich in die \u00c4nnje Wei\u00dfm\u00fcller. Deren Vater war gegen diese Liaison. Das sollte sich jedoch \u00e4ndern, als die Familie nachts im eigenen Haus \u00fcberfallen wurde. Denn der Feldwebel bemerkte den Tumult im Wei\u00dfm\u00fcllerschen Haus, eilte hin und fand die Familie geknebelt und gefesselt am Boden sitzend. Der junge Feldwebel kam gerade rechtzeitig, bevor gr\u00f6\u00dferer Schaden entstehen konnte und die R\u00e4uber das versteckte Verm\u00f6gen der Familie ausfindig machen konnten. Diese Heldentat stimmte nicht nur den Vater milde in Bezug auf eine Heirat zwischen Krieger und der eigenen Tochter. Vielmehr stieg das Ansehen des Soldaten im Dorf so sehr, dass ihm sp\u00e4ter sogar der Posten des Scholtes zugesprochen wurde. So zumindest will es die Erz\u00e4hlung.<\/p>\n<p>Die Realit\u00e4t scheint deutlich weniger heldenhaft \u2013 so zumindest sieht Peter Heil aus Oberkalbach die historischen Fakten hinter der Anekdote. Der Rentner hat in unz\u00e4hligen Stunden historisches Material gew\u00e4lzt, Taufb\u00fccher und Kirchenchroniken durchforstet und dabei die realen Personen der Geschichte ausfindig gemacht. Dabei ist dem Hobbyforscher klar geworden: \u201eMeine Frau Liselotte und ich stammen selbst in siebter beziehungsweise achter Generation von dem Feldwebel Krieger ab\u201c, erz\u00e4hlt er und erg\u00e4nzt mit einem Lachen: \u201eAber das tun vermutlich viele in Oberkalbach, die wenigsten wissen allerdings davon.\u201c Nach seinen Recherchen handelt die Erz\u00e4hlung von den realen Personen Johann Jacob der Schultheis Krieger. Er ging eine Ehe ein mit Kunigunda (in der Geschichte \u201e\u00c4nnje\u201c) Weism\u00fcller. \u201eAllerdings geschah dies alles bereits sehr viel fr\u00fcher als in dem von Klaus V\u00f6gler notierten Zeitraum des Siebenj\u00e4hrigen Krieges\u201c, hat Peter Heil herausgefunden. Die Hochzeit fand bereits am 13. April 1723 statt \u2013 und Johann Jacob der Schultheis Krieger verstarb 1752, seine Frau drei Jahre sp\u00e4ter und somit noch vor den Kriegsjahren. Warum nahm der Autor also die Umdatierung vor?<\/p>\n<p>Peter Heil ist \u00fcberzeugt: \u201eDer Autor hat eine Erz\u00e4hlung aus dem Volksmund aufgegriffen und versucht, sich bestimmte Tatsachen im Nachhinein zu erkl\u00e4ren, die f\u00fcr ihn nicht verst\u00e4ndlich waren.\u201c So sei es f\u00fcr ihn nur nachvollziehbar gewesen, dass sich ein Feldwebel aus Kassel in Oberkalbach aufh\u00e4lt, wenn Kriegszeiten waren. \u201eTats\u00e4chlich gab es bereits um 1722 Einquartierungen in Oberkalbach, was wohl auch Johann Jacob der Schultheis Krieger hierhin f\u00fchrte. Und Eheschlie\u00dfungen sowie Familiengr\u00fcndungen waren keine Seltenheit\u201c, erkl\u00e4rt Peter Heil.<\/p>\n<p>Und auch die Tatsache, dass dieser Soldat Scholtes wurde, obwohl er ein Fremder in Oberkalbach war, musste offenbar begr\u00fcndet werden. Er muss sich mit einer Heldentat als w\u00fcrdig f\u00fcr das Amt erwiesen haben. Der Hobbyforscher hat recherchiert, wie es sich tats\u00e4chlich damit verhielt: \u201eIn Oberkalbach gab es eine Schultheis-Dynastie namens Sch\u00e4fer. Doch pl\u00f6tzlich wurde diese Dynastie unterbrochen und Johann Jacob Krieger wurde ins Amt gehoben. Das hatte allerdings nichts mit einer besonderen Heldentat zu tun, vielmehr mit dem unehrenhaften Verhalten des Sch\u00e4fer-Spr\u00f6sslings.\u201c Denn dieser sei beim Kartenspiel vor dem Sonntagskirchgang erwischt worden. Sein Vater, der damalige Schultheis, musste dieses Vergehen beim Landesherren anzeigen \u2013 dazu sei er von Amts wegen verpflichtet gewesen. Die Folge: Sein in Ungnade gefallener Sohn schied als Nachfolger f\u00fcr das Scholtes-Amt aus. \u201eDer Landesherr hat sich also jemanden aus dem Dorf ausgesucht, dessen Loyalit\u00e4t er sich sicher sein konnte \u2013 und da war ein treuer Soldat f\u00fcr ihn naheliegend.\u201c Vermutlich ist die Heldentat des Soldaten also entweder nie passiert ist oder war zumindest nicht der Grund daf\u00fcr, dass er Scholtes wurde. \u201eDa es sich quasi um meine eigenen Vorfahren handelt, tat ich mich mit dieser Entdeckung ein wenig schwer\u201c, gibt der Hobbyforscher mit einem Augenzwinkern zu. Aber sich in die historischen Dokumente einzulesen und nach der wahren Vergangenheit zu graben, war f\u00fcr ihn dann doch spannender als die kurze Anekdote selbst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>Eine Heldentat, eine Liebe gegen den Willen der Familie und ein \u00dcberfall: Die Ingredienzien einer \u00fcber hunderte Jahre tradierten Erz\u00e4hlung aus Oberkalbach w\u00fcrden Stoff genug f\u00fcr einen spannungsgeladenen Roman bieten. Tats\u00e4chlich ist es jedoch nur eine kurze Anekdote dar\u00fcber, wie jemand zu einem B\u00fcrgermeisteramt kam. 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