{"id":172669,"date":"2018-03-26T18:22:42","date_gmt":"2018-03-26T16:22:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/?p=172669"},"modified":"2018-03-26T18:22:42","modified_gmt":"2018-03-26T16:22:42","slug":"abi-serie-teil-6-vor-der-implantation-was-dem-neurochirurgen-durch-den-kopf-geht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=172669","title":{"rendered":"ABI-Serie Teil 6: Vor der Implantation \u2013 Was dem Neurochirurgen durch den Kopf geht"},"content":{"rendered":"<p>\u201eUnd immer wieder muss man selber hinter sich zur\u00fccktreten und alles bedenken\u201c<\/p>\n<p>Prof. Dr. Behr, Direktor der Klinik f\u00fcr Neurochirurgie am Klinikum Fulda, im Gespr\u00e4ch mit Herrn Claus M\u00fcller von der Gr\u00fcn \u00fcber seine Gedanken vor der Implantation eines ABI. Das Auditory Brainstem Implantat (ABI) kann Menschen, die unter bestimmten Erkrankungen leiden, helfen, die Taubheit zu vermeiden oder zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>Herr Prof. Dr. Behr, die Implantation eines ABI ist ein herausfordernder Eingriff. Was bedenken Sie zuvor?<\/p>\n<p>Es ist ein Reifeprozess. Zun\u00e4chst wird mir der Fall vorgestellt. Hat der Patient schon ein Cochlea Implantat? Hat er weitere Handicaps? Es gibt auch Kinder mit zus\u00e4tzlichen Handicaps, mit einem Charge-Syndrom, mit kardialen oder urogenitalen Problemen, mit einem Goldenhar-Syndrom, mit Fehlbildungen in der Kiefer- und Gesichtsentwicklung oder mit einer Blockwirbelbildung in der Wirbels\u00e4ule.<\/p>\n<p>Aber auch diesen Patienten kann im Prinzip geholfen werden?<\/p>\n<p>Ja, nat\u00fcrlich. Aber es sind diese Besonderheiten, die ich zun\u00e4chst registriere.<\/p>\n<p>Gibt es denn eine spezielle Voraussetzung, die den Erfolg eines Lebens mit ABI beg\u00fcnstigt?<\/p>\n<p>Ganz entscheidend ist, ob die Erkrankung postlingual auftrat oder nicht. Hatte der Patient also schon zu sprechen gelernt, bevor er erkrankte, oder ist er von Geburt an geh\u00f6rlos? Kinder, die von Geburt an nicht h\u00f6ren, erzielen nicht so leicht ein gutes Ergebnis wie ein Patient, der schon die Sprache beherrscht und auf sein Wissen zur\u00fcckgreifen kann. Vor allem kommt es auch darauf an, was der Patient aus den elektrischen Signalen macht, die wir seinem H\u00f6rnervkern zuleiten. Denn die Umwandlung des elektrischen Signals in ein biologisches ist ein komplexer Prozess, der stark vom intellektuellen Leistungsverm\u00f6gen des Patienten abh\u00e4ngig ist, insbesondere bei der Bewusstwerdung. Es gibt also viele Faktoren, die die H\u00f6rentwicklung beeinflussen.<\/p>\n<p>Ist denn ein solch komplexer Eingriff sinnvoll, wenn der Erfolg fraglich ist? Sollte ich es nicht besser bleiben lassen, wenn ich gar nicht wei\u00df, ob ich nachher \u00fcberhaupt wieder h\u00f6ren kann?<\/p>\n<p>Ich stehe auf dem Standpunkt, dass vor allem Eltern, die stellvertretend f\u00fcr ihre Kinder entscheiden m\u00fcssen, ihrem Kind eine Chance geben sollten. Freilich muss man den Eltern reinen Wein einschenken. Ich verspreche niemandem, dass er nach der Operation ein offenes H\u00f6r-Verst\u00e4ndnis erlangen wird, dass er also Sprache verstehen kann, ohne den Sprecher zu sehen. Aber es ist f\u00fcr den Menschen schon ein Gewinn, wenn er Ger\u00e4usche wahrnimmt, wenn er die Autohupe h\u00f6rt, die ihn warnt, oder wenn er das Klingeln des Telefons wahrnimmt. Man wei\u00df von Kindern mit ABI, dass sie, auch wenn sie nicht richtig h\u00f6ren, das Anlegen und Einschalten des Ger\u00e4tes einfordern. Die meisten Kinder sind full-time-user. Sie haben mit dem Implantat den akustischen Fu\u00df in der T\u00fcr. Offenbar erleben diese Kinder mit dem Ger\u00e4t, selbst wenn sie nur rudiment\u00e4r h\u00f6ren, eine Differenz zu der vollkommenen Stille, in der sie sonst leben, und die f\u00fcr uns H\u00f6rende nicht nachvollziehbar ist. Aber Ihre Frage trifft den Nerv. Es gibt durchaus auch extrem beeintr\u00e4chtigte Kinder, bei denen sich Eltern und \u00c4rzte fragen, ob eine Implantation sinnvoll ist.<\/p>\n<p>Wie bereiten Sie die Implantation vor, wenn die Eltern die prinzipielle Einwilligung zum Eingriff gegeben haben?<\/p>\n<p>Ich sehe mir die Bilder genau an, die wir mit dem Computertomographen und dem Kernspintomographen erstellt haben. Ich frage mich: Wie sieht der Knochen aus? Wie sieht die Implantationsstelle aus? Gibt es viele Gef\u00e4\u00dfe in der Region? Wo liegen die wichtigsten Blutleiter? Wir gro\u00df sind die Hirnstrukturen am Hirnstamm? Wo liegen bei diesem einen Patienten die Stolpersteine? Wie kann ich Risiken vermeiden? Man studiert die relevante Anatomie.<\/p>\n<p>Wann befassen Sie sich mit diesen Informationen?<\/p>\n<p>Besonders intensiv tue ich das am Tag vor der Operation. Die Informationen m\u00fcssen aktuell sein, und ich muss sie mir gut einpr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Wie ist es am Tag der Operation selbst?<\/p>\n<p>Am Tag der Operation? Da st\u00fcrzt man sich schlie\u00dflich wie der Skispringer von der Schanze. Dann geht es los. Besonders sch\u00f6n ist es, wenn einer dabei ist, dem man alles erkl\u00e4ren kann. Dann gibt man sich mit der Erkl\u00e4rung den strukturierenden Rhythmus der Handlung vor.<\/p>\n<p>L\u00e4uft eine Operation nach einem immer gleichen Schema in der immer gleichen Zeit ab?<\/p>\n<p>Nun, im Prinzip gibt es nat\u00fcrlich einen festen Ablauf. Aber jeder Einzelfall ist anders. Man darf nie ungeduldig werden, &#8211; auch bei den Messungen, ob die Elektrode passend implantiert ist im H\u00f6rnervkern oder nicht. Denn der Patient hat nur diese eine Chance. Man muss immer wieder einen Schritt zur\u00fccktreten, sich nach den Ursachen fragen, wenn das Ergebnis der Messung nicht optimal ist: Was kann es sein? Insbesondere in solchen Situationen ist es gut, wenn ein Assistent oder ein Ingenieur des Implantatherstellers dabei ist, mit dem man alles durchsprechen kann. Es gelingt dann in der Regel schon, den optimalen Punkt f\u00fcr den Sitz der Elektrode zu finden.<\/p>\n<p>Wie gro\u00df sind denn H\u00f6rnervkern und Elektrodenplatte?<\/p>\n<p>Die Elektrodenplatte misst 5 mal 3,5 Millimeter und der H\u00f6rnervkern hat eine Fl\u00e4che von 4 mal 4 bis 5 mal 5 Millimeter, aber er hat keine Tonotopie. Das hei\u00dft: die Empfindsamkeit f\u00fcr bestimmte Frequenzen ist nicht nach einer bestimmten Regel im Nerv verteilt. Darum kommt es auch so sehr darauf an, nicht aufzugeben, sondern immer wieder die beste Position f\u00fcr die Elektroden zu suchen. Nochmals: Es gibt nur diese eine Chance, und ich bin in dieser Phase der Anwalt des Patienten. So eine Prozedur kann schon zwei oder mehr Stunden dauern.<\/p>\n<p>Gelingt denn die Messung w\u00e4hrend der OP st\u00f6rungsfrei?<\/p>\n<p>Nicht immer. Wir messen extrem kleine Str\u00f6me, die k\u00f6nnen leicht von Artefakten, von St\u00f6rungen, \u00fcberlagert werden. Zum Beispiel von solchen, die von der elektrisch beheizten Decke ausgehen, unter der der Patient liegt. Oder ein anderes Mal hatten wir eine St\u00f6rung, die von der Fernsteuerung eines Baukrans in unserer Nachbarschaft ausging. Nachdem der Kranf\u00fchrer Feierabend hatte, war das St\u00f6rsignal weg.<\/p>\n<p>Fragen Sie sich eigentlich auch einmal, ob die OP \u00fcberhaupt gut geht?<\/p>\n<p>Die Frage stellt man sich durchaus. Aber vorher ist doch alles besprochen, vor allem frage ich intensiv, wo die Stolpersteine liegen. Und ich habe Erfahrung in diesem Bereich der Anatomie. Alles wird sorgf\u00e4ltig pr\u00e4pariert. Und immer wieder muss man selber hinter sich zur\u00fccktreten und alles bedenken. Es ist nicht einfach ein Handwerk, das Implantat einzusetzen, und Schluss. Es ist in der Neurochirurgie anders als bei anderen chirurgischen Eingriffen.<\/p>\n<p>Kann oder muss eine OP zur Implantation eines ABI unter bestimmten F\u00e4llen wiederholt werden?<\/p>\n<p>Das wollen wir nat\u00fcrlich unbedingt vermeiden. Aber die Frage kann sich stellen, wenn die Sonde im Kopf disloziert, also verrutscht ist. Das ist nicht ganz trivial.<\/p>\n<p>Welche Erwartungen richten die Patienten an Sie?<\/p>\n<p>Die Erwachsenen, die sich wegen ihrer Neurobiromatose Typ 2 (NF2) bei mir operieren lassen, einem Tumorleiden, das den H\u00f6rnervkern zerst\u00f6rt, sind meist gut informiert. Sie wissen, was sie erwarten d\u00fcrfen vom ABI und sind nicht unrealistisch. Ihnen sind die Risiken bewusst. Es kommt auf die pers\u00f6nliche Beziehung zum Patienten an. Wir m\u00fcssen Vertrauen aufbauen.<\/p>\n<p>Wie macht man das: Vertrauen aufbauen?<\/p>\n<p>Ehrlich zu sein hei\u00dft, Vertrauen aufzubauen. Alles zu sagen, was denkbar ist an Folgen &#8211; im Positiven wie im Negativen. Da f\u00e4hrt man am besten mit. Ich habe noch nie eine Situation erlebt, in der ein Patient aus der Gruppe mit der NF2-Diagnose mit unrealistischen Erwartungen kam. Manchen Patienten erkl\u00e4re ich sogar, welche bisher nicht realisierten Erwartungen sie an das ABI haben k\u00f6nnen. Man muss sich nat\u00fcrlich klarmachen: Das Implantat begr\u00fcndet die Abh\u00e4ngigkeit von einem elektrischen Ger\u00e4t. Doch trotz aller emotionalen Aspekte ist der Umgang der Patienten mit dem Thema sehr rational. Mit Forderungen und Erwartungen kommt eigentlich keiner. Das ist anders als in der Wirbels\u00e4ulenchirurgie. Da erwarten die Leute, dass sie schon nach einer einzigen OP beschwerdefrei sind, selbst wenn sie die 20 Jahre zuvor nie etwas f\u00fcr ihren R\u00fccken getan haben. Demgegen\u00fcber sind die Menschen, die nicht h\u00f6ren, stiller, nachdenklicher, realistischer und dankbar, dass wir es zumindest versucht haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>\u201eUnd immer wieder muss man selber hinter sich zur\u00fccktreten und alles bedenken\u201c Prof. Dr. Behr, Direktor der Klinik f\u00fcr Neurochirurgie am Klinikum Fulda, im Gespr\u00e4ch mit Herrn Claus M\u00fcller von der Gr\u00fcn \u00fcber seine Gedanken vor der Implantation eines ABI. 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