{"id":172622,"date":"2018-03-25T15:00:40","date_gmt":"2018-03-25T13:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/?p=172622"},"modified":"2018-03-25T15:00:40","modified_gmt":"2018-03-25T13:00:40","slug":"abi-serie-fortsetzung-des-tagebuchs-tabea-hat-reagiert-beim-hoertest","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=172622","title":{"rendered":"ABI-Serie: Fortsetzung des Tagebuchs: Tabea hat reagiert \u2013 beim H\u00f6rtest"},"content":{"rendered":"<p>19. M\u00e4rz: Michaela, Torsten und Tabea Seidel fahren nach Rostock an die Uni-Klinik. Um 9 Uhr haben sie einen Termin mit Damaris Platzer von Med El und sp\u00e4ter mit Dr. med. Gabriele Witt, Leitung der Abteilung Phoniatrie und P\u00e4daudiologie. Tabeas ABI-Einstellung soll zum ersten Mal angepasst werden, nachdem der Prozessor am 1. Februar im Klinikum Fulda angelegt worden war. Die Intensit\u00e4t der Signale, die dem Stammhirn zugeleitet werden, soll in kleinen Schritten gesteigert werden. Tabea soll sich nicht erschrecken oder gar Schmerz empfinden, weil ihr ein Ger\u00e4usch pl\u00f6tzlich zu laut erscheint.<\/p>\n<p>Damaris Platzer wartet in einem f\u00fcr sie freigestellten Raum, der sonst f\u00fcr die Logop\u00e4die genutzt wird. Gegen 11.15 Uhr folgt der gemeinsame Termin bei Dr. Witt. Die \u00c4rztin macht sich erst einmal ein Bild von Tabea, nimmt die Anamnese auf und untersucht Tabea an den Ohren und am Hinterkopf, wo die Narbe von der Implantation ist. Michaela Seidel berichtet: \u201eTabea hat dies nicht toll gefunden und sich etwas dagegen gewehrt, aber dies steht ihr nach diesem gro\u00dfem Eingriff auch zu, meinte die \u00c4rztin.\u201c<\/p>\n<p>Es wird ein langer Vormittag von vier Stunden mit verschiedenen Untersuchungen, Justierungen am Prozessor und vor allem mit H\u00f6rtests. \u201eF\u00fcr das Kind ist das sehr anstrengend\u201c, sagt Michaela Seidel. Aber so viel gibt sie sogleich preis: \u201eWir sind wirklich sehr zufrieden. Bei einem der H\u00f6rtests mit sehr lauter Musik haben wir alle am Blick von Tabea gesehen, dass sie reagiert hat.\u201c Die Verabredung mit Familie Seidel lautet: Wir lassen den Tag im Uniklinikum f\u00fcr sie ungest\u00f6rt von einem Interview vergehen und vereinbaren ein Telefonat f\u00fcr den 21. M\u00e4rz. \u201eGegen 15 Uhr\u201c sei ein guter Termin, sagt Torsten Seidel, denn dann sei seine Frau vom Dienst auf der Intensivstation in ihrem Krankenhaus auf R\u00fcgen zu Hause zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Michaela Seidel: \u201eTabea h\u00f6rt. Wir f\u00fchlen, dass sie etwas wahrnimmt.\u201c<\/p>\n<p>21. M\u00e4rz: Auf Familie Seidel ist Verlass. Punkt 15 Uhr versuchen wir uns gegenseitig anzurufen. Also ist beim ersten Versuch bei beiden besetzt. Beim zweiten Anruf klappt es. Michaela Seidel ist am Telefon und beteuert: \u201eWir sind wirklich sehr zufrieden. Frau Dr. Witt war das ABI zwar bekannt, aber sie selbst hat kaum Erfahrungen damit. Doch es gibt in der HNO-Abteilung \u00c4rzte, die in W\u00fcrzburg\u00c2\u00a0gearbeitet und Erfahrungen mit ABI-Implantation haben. Wenn es Probleme geben sollte, k\u00f6nnen wir die \u00c4rzte in Rostock ansprechen. Aber wir werden es immer erst mit Fulda absprechen, da unser Vertrauen zu Professor Dr. Behr doch schon sehr stark ist. Trotzdem werden wir die Weiterbehandlung in Rostock durch die HNO-\u00c4rzte wahrnehmen, dies ist auch im Sinne von Prof. Dr. Behr.\u201c<\/p>\n<p>Tabea, berichtet ihre Mutter, wurde am Montagvormittag in Rostock mehreren H\u00f6rtests unterzogen. Und stets zeigte sie Reaktionen. Obschon Tabea unermesslich weit von dem Stadium entfernt ist, dass sie wie ein gesunder Mensch h\u00f6rt, und obschon vollkommen ungewiss ist, wie gut ihr H\u00f6rverm\u00f6gen nach einer unermesslichen langen Zeit einmal werden k\u00f6nnte, wagt ihre Mutter eine Aussage, die noch vor sechs Wochen nicht \u00fcber die Lippen gekommen w\u00e4re: \u201eTabea h\u00f6rt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eTabeas Augen strahlen die Ver\u00e4nderung aus\u201c<\/p>\n<p>Nein, Tabea versteht keine Worte, keine S\u00e4tze. Niemand wei\u00df, was bei ihr im Bewusstsein ankommt. Aber dass etwas ankommt, steht f\u00fcr alle, die sich mit dem Kind besch\u00e4ftigen &#8211; es beobachten, es in gr\u00f6\u00dferen Abst\u00e4nden untersuchen oder es t\u00e4glich sehen &#8211; fest: Tabea hat sich ver\u00e4ndert. \u201eUnsere Tochter ist so aufmerksam und neugierig geworden. Anders als je zuvor\u201c, sagt die Mutter: \u201eSie nimmt mit ihren kleinen H\u00e4nden unser Gesicht und blickt uns an. Sie blickt uns an wie voller Dankbarkeit. Fr\u00fcher hatten wir den Eindruck, Tabea lebt in ihrer eigenen Welt. Fr\u00fcher hat sie ins Leere geschaut. Das ist jetzt anders. Mein Mann, der viel mit ihr zusammen ist, sagt: \u00e2\u20ac\u0161Sie sieht mich intensiver an. Ihre Augen strahlen die Ver\u00e4nderung aus.\u00e2\u20ac\u2122 F\u00fcr uns hat sich sehr viel ver\u00e4ndert in der Familie. Man geht noch intensiver miteinander um. Wir Eltern sprechen intensiver mit Tabea, weil wir denken, dass sie etwas wahrnimmt, und wir f\u00fchlen es sogar, dass sie etwas wahrnimmt. Es ist das: Dass man sie anschaut, und dass man sie intensiv anschaut. Das hat sie fr\u00fcher nicht toleriert. Sie sah dann weg. Sie wusste doch nicht, was wir wollten, wenn wir sie ansahen und mit ihr sprachen.\u201c<\/p>\n<p>Tabea tanzt und streicht \u00fcber die Saiten der Gitarre<\/p>\n<p>Das H\u00f6rger\u00e4t hat Tabea sehr gut akzeptiert. Sie tr\u00e4gt es seit 48 Tagen. Sie tanzt h\u00e4ufig und l\u00e4uft viel. Sie plappert beim Spiel, als wollte sie es kommentieren, sagt die Mutter: \u201eUnd alles wird lauter, wenn sie spielt. Und wir machen Ger\u00e4usche, um die H\u00f6rbahn zu aktivieren. Ich habe meine Gitarre wieder rausgeholt. Das liebt sie richtig. Auch im Kindergarten. Wenn der Pastor dorthin kommt, bringt er auch seine Gitarre mit, und Tabea streicht als erste \u00fcber sie Saiten. Wir sind sehr motiviert.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNoch vor einem Jahr standen wir ganz hilflos da\u201c<\/p>\n<p>Michaela Seidel versucht zur\u00fcckzublicken. Vielleicht um ein halbes oder ganzes Jahr? \u201eEs ist eine enorme Ver\u00e4nderung. Noch vor einem Jahr, bevor wir Kontakt zu Prof. Dr. Behr gekn\u00fcpft hatten, standen wir ganz hilflos da. Jetzt nimmt man das Kind anders wahr, und Tabea nimmt die Welt anders wahr. Das sagt auch Barbara, ihre Betreuerin im Kindergarten. Tabea schmust mehr und nimmt mehr Kontakt mit anderen Kindern auf. Aber keiner wei\u00df, was wird aus der Ver\u00e4nderung. Es kann Jahre dauern, bis Tabea vielleicht h\u00f6rt und versteht &#8211; wenn \u00fcberhaupt. Dennoch: Es ist sehr, sehr positiv, wie sich unser Leben gewendet hat.\u201c<\/p>\n<p>G\u00e4nsehaut beim Lesen: Tabeas Tagebuch zieht weite Kreise<\/p>\n<p>\u201ePositiv\u201c, sagt Michaela Seidel, \u201eist auch der Zuspruch, den wir erhalten, von Nachbarn, Bekannten und Kollegen, von \u00c4rzten, Schwestern und Pflegern im Krankenhaus, in dem ich arbeite. Alle sagen: ,Wir haben richtig G\u00e4nsehaut bekommen beim Lesen von Tabeas Tagebuch.\u00e2\u20ac\u2122 Die Menschen verstehen jetzt, warum wir uns zur\u00fcckgezogen hatten w\u00e4hrend der vergangenen Jahre. Und nun hat Tabeas Geschichte durch ihr Tagebuch ganz weite Kreise gezogen. Wir geben damit auch ein St\u00fcck ganz Privates frei, weil wir anderen helfen, sie ermutigen wollen. Alle sagen, sie ziehen den Hut vor unserer Courage, dass wir mit der Implantation, einem komplexen Eingriff, den Grundstein gelegt haben f\u00fcr Tabea, &#8211; damit sie vielleicht eines Tages ein normales Leben f\u00fchren kann. \u2013 Ich selber lese das Tagebuch auch immer wieder. Wir sind so dankbar, dass unsere Geschichte, unsere Gef\u00fchle aufgeschrieben worden sind.\u201c<\/p>\n<p>Ob wir Tabea im Sommer besuchen sollten?<\/p>\n<p>In Abst\u00e4nden von drei bis vier Wochen werden die Eltern nun die elektrischen Signale verst\u00e4rken, die der Prozessor an Tabeas Stammhirn sendet, und nach einem Vierteljahr wird Tabea abermals in Rostock am Universit\u00e4tsklinikum untersucht und der Prozessor nachjustiert. Ob ich Tabea und ihre Eltern im Sommer einmal auf R\u00fcgen in ihrer gewohnten Umgebung besuche?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>19. M\u00e4rz: Michaela, Torsten und Tabea Seidel fahren nach Rostock an die Uni-Klinik. Um 9 Uhr haben sie einen Termin mit Damaris Platzer von Med El und sp\u00e4ter mit Dr. med. Gabriele Witt, Leitung der Abteilung Phoniatrie und P\u00e4daudiologie. Tabeas ABI-Einstellung soll zum ersten Mal angepasst werden, nachdem der Prozessor am 1. 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