{"id":172458,"date":"2018-03-19T18:56:14","date_gmt":"2018-03-19T17:56:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/?p=172458"},"modified":"2018-03-19T18:56:14","modified_gmt":"2018-03-19T17:56:14","slug":"paris-boulevard-st-martin-no-11-lesung-aus-peter-gingolds-erinnerungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=172458","title":{"rendered":"Paris \u2013 Boulevard St. Martin No. 11 &#8211; Lesung aus Peter Gingolds Erinnerungen"},"content":{"rendered":"<p>Am Freitag (9. M\u00e4rz 2018) durfte ein interessiertes Publikum den 2006 im Alter von 90 Jahren verstorbenen Widerstandsk\u00e4mpfer Peter Gingold kennenlernen. Aus Gingolds Nachlass entstand das von Dr. Ulrich Schneider im Jahre 2015 herausgegebene Buch &#8220;Paris \u2013 Boulevard St. Martin No. 11&#8221;, das Schneider und Gingolds j\u00fcngste Tochter Silvia in Fulda vorstellten. Das Werk vermittelt: <em>&#8220;Ein lebendiges Bild eines Mannes, der sich zeit seines Lebens mit nicht nachlassender Tatkraft und viel Optimismus gegen das Vergessen und f\u00fcr Zivilcourage eingesetzt hat.<\/em>&#8220;, kommentierte der Hessische Rundfunk die Buchver\u00f6ffentlichung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu der Lesung eingeladen hatten das &#8220;B\u00fcndnis Fulda stellt sich quer e. V.&#8221; und die VVN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes \u2013 Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten) in den DGB-Vortragsraum. Er\u00f6ffnet wurde der Abend von Angelika Balzer.<\/p>\n<p>Begonnen wurde mit Ausz\u00fcgen einer Filmdokumentation, in denen Peter und seine Frau Ettie Gingold aus ihren Leben erz\u00e4hlten. Originalfilmaufnahmen der besetzten franz\u00f6sischen Hauptstadt vermittelten einen Eindruck aus der Zeit der Nazi-Gewaltherrschaft. Im franz\u00f6sischen Exil engagierten sich beide im Widerstand gegen Nazi-Deutschland und lernten sich 1936 in Paris kennen und lieben.<\/p>\n<p>Anhand vorgetragener kurzer Episoden wurde der ab 1931 in der deutschen kommunistischen Jugendbewegung aktive K\u00e4mpfer f\u00fcr Freiheit und Frieden geradezu lebendig.<\/p>\n<p>1933 folgte Peter Gingold seinen emigrierten Eltern und Geschwistern nach Paris.<\/p>\n<p>1943 wurde Peter Gingold in Dijon verhaftet, wochenlang von der Gestapo gefoltert und verh\u00f6rt. Nach seiner Flucht \u2013 wie er seine Folterer ausgetrickst hat, ist titelgebend f\u00fcr die posthume Buchver\u00f6ffentlichung seiner Erinnerungen \u2013 setzte er seine risikoreiche Arbeit im Widerstand gegen Nazi-Deutschland fort. Beteiligt war er auch beim Aufstand zur Befreiung von Paris. Zwei seiner Geschwister, Dora und Leo, wurden 1942 in Frankreich festgenommen, 1943 nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet.<\/p>\n<p>Den 8. Mai 1945, von ihm als das &#8220;Morgenrot der Menschheitsgeschichte&#8221; bezeichnet, erlebte er in Turin mit der italienischen Resistenza. Umgehend kehrte er in sein Heimatland zur\u00fcck. Zun\u00e4chst erreichte er Berlin, doch es gelang ihm bald, in seine Heimatstadt Frankfurt reisen zu d\u00fcrfen und konnte nach wenigen Monaten auch seine Familie zu sich holen. Seine Eltern und die verbliebenen drei Geschwister mit Familien blieben in Frankreich.<\/p>\n<p>Sobald alte Nazis wieder an Schaltstellen der Verwaltungen sa\u00dfen, begann Verfolgung 2.0: Ein eifriger bundesdeutscher Beamter bemerkte, dass der in Aschaffenburg geborene Peter Sohn polnisch st\u00e4mmiger j\u00fcdischer Eltern war und in Nazi-Deutschland als Pole galt und so naturgem\u00e4\u00df Dokumente fehlten, die ihn als Deutschen auswiesen: Kein Dokument, kein Deutscher. So wurde der Familie die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft 1956 aberkannt \u2013 obwohl Peter und Ettie aktiv gegen die Nazis gearbeitet hatten und so ihren Anteil an der Befreiung geleistet hatten. Gingolds waren viele Jahre staatenlos \u2013 selbst die in Frankfurt geborene Tochter Silvia. Ohne staatsb\u00fcrgerliche Rechte k\u00e4mpften Gingolds lange um die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit. Erst 1974 wurden alle vier wieder eingeb\u00fcrgert \u2013 dank des \u00f6ffentlichen Drucks vieler Pers\u00f6nlichkeiten in Deutschland und der franz\u00f6sischen Regierung.<\/p>\n<p>Doch das war noch immer nicht genug der Verfolgung &#8211; 2.1 folgte bereits ein Jahr sp\u00e4ter: 1975 wurde Silvia Gingold aufgrund des sogenannten &#8220;Radikalenerlasses&#8221; aus dem Schuldienst entlassen, obwohl in der Schule und deren Leitung als kompetent gesch\u00e4tzt. Viele prominente Wissenschaftler*innen und K\u00fcnstler*innen setzten sich \u00f6ffentlich f\u00fcr sie ein. 1976 stellte ein Gericht fest, dass die Entlassung zu Unrecht geschehen war. Sie wurde wieder in den Schuldienst \u00fcbernommen \u2013 allerdings nicht mehr als Beamtin, sondern als angestellte Lehrerin. Eine Rehabilitierung erfolgte nie, sie k\u00e4mpft noch heute darum. Auch die vom Verfassungsschutz \u00fcber sie gesammelten Daten werden auch im Jahr 2018 noch dort gesammelt.<\/p>\n<p>Starken Zuspruch fanden das Buch zur Lesung sowie weitere Ver\u00f6ffentlichungen \u00fcber das beeindruckende Leben eines starken Mannes, der bis zum Ende seines Daseins Menschen zu \u00fcberzeugen suchte, gegen Krieg und Faschismus einzutreten, niemals andere deren \u00dcberzeugung oder Herkunft wegen abzulehnen. Besonders Gespr\u00e4che mit jungen Leuten lagen ihm sehr am Herzen. In zahllosen Vortr\u00e4gen auf Bildungs- und Kulturveranstaltungen und in Schulen veranschaulichte er als Zeitzeuge die von Nazi-Deutschland ausgegangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.<\/p>\n<p>Seit 1946 war Peter Gingold mehrere Male auch in Fulda gewesen. Hier hielt der 90-J\u00e4hrige am 19. August 2006 wenige Wochen vor seinem Tod die letzte \u00f6ffentliche Rede seines Lebens \u2013 im Rahmen der erfolgreichen Verhinderung einer Nazidemonstration.<\/p>\n<p>Andreas Goerke, Sprecher des &#8220;B\u00fcndnis Fulda stellt sich quer e. V.&#8221; war sehr zufrieden mit dem gelungenen Abend und k\u00fcndigte an, weitere Veranstaltungen und Aktionen gegen Verfolgung und f\u00fcr ein friedliches Miteinander, zu initiieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Peter Gingold \/ Dr. Ulrich Schneider (Hrsg.) (2015): Paris \u2013 Boulevard St. Martin No. 11.<\/p>\n<p>Ein j\u00fcdischer Antifaschist und Kommunist in der R\u00e9sistance und der Bundesrepublik.<\/p>\n<p>PapyRossa, Neue Kleine Bibliothek 136. K\u00f6ln. ISBN 978-3-894384-07-4. 14,90 \u00e2\u201a\u00ac<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>Am Freitag (9. M\u00e4rz 2018) durfte ein interessiertes Publikum den 2006 im Alter von 90 Jahren verstorbenen Widerstandsk\u00e4mpfer Peter Gingold kennenlernen. Aus Gingolds Nachlass entstand das von Dr. Ulrich Schneider im Jahre 2015 herausgegebene Buch &#8220;Paris \u2013 Boulevard St. Martin No. 11&#8221;, das Schneider und Gingolds j\u00fcngste Tochter Silvia in Fulda vorstellten. 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