{"id":163373,"date":"2017-05-23T07:35:35","date_gmt":"2017-05-23T05:35:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/?p=163373"},"modified":"2017-05-23T07:35:35","modified_gmt":"2017-05-23T05:35:35","slug":"aufklaerung-solidaritaet-mitgefuehl-freude-kunst-und-ein-gruss-aus-dem-gefaengnis-der-abend-fuer-die-pressefreiheit-am-samstag-im-museumscafe-machte-mut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=163373","title":{"rendered":"Aufkl\u00e4rung, Solidarit\u00e4t, Mitgef\u00fchl, Freude, Kunst und ein Gru\u00df aus dem Gef\u00e4ngnis \u2013 der Abend f\u00fcr die Pressefreiheit am Samstag im Museumscaf\u00e9 machte Mut"},"content":{"rendered":"<p>Es mag \u00fcberraschen bei einem so schweren Thema, aber tats\u00e4chlich war der Abend f\u00fcr die Pressefreiheit, den das K\u00fcnstler-Duo Marianne Blum und Guido Rohm auf die Beine gestellt hatten, alles andere als eine dr\u00f6ge Polit-Veranstaltung, in der nur gejammert und sich beklagt wird. Im Gegenteil, mit sorgsam ausgew\u00e4hlten und engagiert anmoderierten Texten inhaftierter Journalisten und Autoren aus verschiedenen L\u00e4ndern, mit beeindruckenden eigenen k\u00fcnstlerischen Beitr\u00e4gen und mit dem klugen Schachzug der beiden K\u00fcnstler, s\u00e4mtliche politischen Fraktionen (au\u00dfer der AFD und den Reps, \u201eaber was haben die schon mit Pressefreiheit am Hut?\u201c, so Marianne Blum) und einige Medienvertreter mit in Boot zu holen und aktiv als Vorleser zu beteiligen, gelang Blum und Rohm ein Abend, der zu einem eindringlichen Appell wurde und gleichzeitig ersch\u00fctternd und unterhaltsam war. <\/p>\n<p>Ein 20:0 als Todesurteil<\/p>\n<p>Los ging es \u2013 \u00e4hnlich wie fast zeitgleich bei der Frankfurter freeDeniz-Lesung mit Jan B\u00f6hmermann im Schauspiel Frankfurt \u2013 mit dem \u00fcberaus passenden Lied \u201eDie Gedanken sind frei\u201c. Vorgetragen wurde es in Fulda allerdings in einer ungewohnten aber bet\u00f6renden Bluesversion der Entertainerin Marianne Blum, die von Andr\u00e9 Barthelmes an der Slidegitarre begleitet wurde. Anschlie\u00dfend las der Fuldaer Schriftsteller Guido Rohm (PEN-Mitglied) seine satirisch-groteske Geschichte \u201eSchreibung erzeugt Hitze\u201c, die er extra f\u00fcr den Abend geschrieben hatte. Der Text f\u00fchrte den Zuh\u00f6rern im gut gef\u00fcllten Museumscaf\u00e9 gleich zu Beginn des Abends auf absurde Weise vor Augen, was die Beschneidung der Pressefreiheit f\u00fcr den Einzelnen bedeutet. Er handelte n\u00e4mlich von einem Lokalreporter, der einer negativen Berichterstattung \u00fcber seine heimatliche Fu\u00dfballmannschaft wegen erst beschimpft, verfemt, verfolgt, eingesperrt und schlie\u00dflich sogar exekutiert wird.<br \/>\nDas Schlimme an diesem fiktiven Text von Rohm ist, dass er von der Wirklichkeit zum Teil \u00fcbertroffen wird. Einige der inhaftierten Journalisten und Autoren wurden wegen noch viel geringeren \u201eVergehen\u201c als einem Artikel \u00fcber eine 20:0 Torbilanz verhaftet. So wird beispielsweise dem seit \u00fcber 90 Tage ohne Anklage in Isolationshaft einsitzenden WELT-Korrespondenten Deniz Y\u00fccel vorgeworfen, dass er Agent der G\u00fclen-Bewegung und Terrorist sei. Ein Vorwurf, den Staatspr\u00e4sident Erdogan h\u00f6chstpers\u00f6nlich \u00f6ffentlich im Fernsehen ge\u00e4u\u00dfert hat. Damit hat er sich nicht nur zum Staatsanwalt aufgespielt, sondern er hat sich politisch in ein laufendes Verfahren eingemischt. Dass bisher weder eine Anklageschrift noch Beweise f\u00fcr diese Behauptungen vorliegen, ist dabei fast zu einem zu vernachl\u00e4ssigenden Detail verkommen. In einem Rechtsstaat w\u00e4re das nicht m\u00f6glich.<br \/>\nDas ist genau der Punkt, an dem es auch dem Letzten im Saal klar wurde, dass die Unterdr\u00fcckung der Pressefreiheit, die Gleichschaltung der Medienlandschaft, die Inhaftierung von Journalisten und damit die Ausschaltung kritischer Stimmen, immer ein Gradmesser f\u00fcr die Freiheit ist, die jeder Einzelne in einer Gesellschaft genie\u00dft. Freiheit ist nur garantiert mit einer funktionierenden unabh\u00e4ngigen Rechtsprechung. Insofern ist die Pressefreiheit kein Randgebiet, sondern Kernbereich einer freiheitlichen Gesellschaft, die sich gerade dadurch auszeichnet, dass sie auch andere, widerstreitende und unangenehme Meinungen aush\u00e4lt und zul\u00e4sst. Passend dazu las Guido Rohm, die von vielen als anst\u00f6\u00dfig empfundene aber \u00e4u\u00dferst pointiert und ironisch \u00fcberspitzt geschriebene Kolumne von Deniz Y\u00fccel \u201eDeutschland schafft sich ab\u201c.<\/p>\n<p>Pressefreiheit ist immer auch die Freiheit des Anderen<\/p>\n<p>Dass sich gerade die T\u00fcrkei in der Rangliste der Pressefreiheit, die \u201eReporter ohne Grenzen\u201c ver\u00f6ffentlicht haben, dabei um 57 Pl\u00e4tze verschlechtert hat, darf angesichts solcher Einmischung von h\u00f6chster Stelle, nicht verwundern. Dass allerdings auch demokratische Staaten immer schlechter mit ihrer Presse umgehen und damit nicht mehr so leuchtende Beispiele abgeben wie ehedem, ist ebenfalls eine besorgniserregende Tatsache. Die USA ist mit dem ewig medienscheltenden Pr\u00e4sidenten Trump an der Spitze daf\u00fcr nur ein Beispiel. Auch Deutschland liegt nur auf Platz 16 der Rangliste. T\u00e4tliche Angriffe auf Journalisten, \u00f6ffentliche Diffamierungs-Kampagnen gegen kritische Berichterstattung und ungen\u00fcgender gesetzlicher Quellenschutz sind auch hierzulande auf dem Vormarsch.  <\/p>\n<p>Deniz Y\u00fccel l\u00e4sst die Fuldaer \u00fcber seine Anw\u00e4lte aus der Haft gr\u00fc\u00dfen!<\/p>\n<p>Doch zur\u00fcck zur T\u00fcrkei und dem Fall des in Eschborn bei Frankfurt aufgewachsenen deutsch-t\u00fcrkischen Reporters Deniz Y\u00fccel. Er bildete den exemplarischen Kern des Abends und er war auch Anlass, dass Michael Brand (MdB) die Schirmherrschaft f\u00fcr die Veranstaltung \u00fcbernommen hat. Denn der CDU-Abgeordnete ist  im Bundestag Vorsitzender der Arbeitsgruppe Menschenrechte und Humanit\u00e4re Hilfe und k\u00fcmmert sich in dieser Funktion um viele inhaftierte Menschenrechtler, Journalisten und Autoren. Er hat dar\u00fcber hinaus pers\u00f6nlich eine Parlamentspatenschaft f\u00fcr Y\u00fccel \u00fcbernommen. Daher beteiligte er sich an dem Abend auch nicht nur mit dem Verlesen eines bereits seit l\u00e4ngerem ver\u00f6ffentlichten Statements des Journalisten, sondern er las auch eine Botschaft vor, die von dessen Anw\u00e4lten einen Tag zuvor an den Fuldaer Abgeordneten \u00fcbermittelt wurde. Diese  Nachricht enthielt nicht nur einen pers\u00f6nlichen Dank Y\u00fccels an die Fuldaer Veranstalter und Zuschauer &#8211; \u201eEs tut gut zu wissen, dass ich, dass wir, nicht alleine und von der Welt vergessen sind. Deniz Y\u00fccel, Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis Silivri Nr.9, 18. Mai 2017&#8243; &#8211; sondern auch ein starkes politisches Statement zur Pressefreiheit. Dass dieser Text nicht in Frankfurt oder Berlin verlesen wurde, sondern in Fulda, ist nicht hoch genug zu bewerten und nur der Tatsache geschuldet, dass die K\u00fcnstler Blum und Rohm mit dem Fuldaer Bundestagsabgeordneten Brand einen Mann auf die B\u00fchne geholt hatten, der auf h\u00f6chster Ebene versucht, etwas f\u00fcr den Inhaftierten zu erreichen. Man kann ihn in diesem Vorhaben nur unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Fraktions\u00fcbergreifender Zusammenhalt<\/p>\n<p>Eine Mutmachende Erkenntnis des Abends war dabei, dass ein starkes Bekenntnis zur Pressefreiheit alle politischen Kr\u00e4fte eint. Zumindest hier in Fulda zogen die anwesenden Stadtverordneten wie Sibylle Herbert (FDP, an dem Abend offizielle Vertretung des OB Dr. Wingenfeld), Michael Grosch (Fraktionsvorsitzender der FDP), Silvia Br\u00fcnnel (Fraktionsvorsitzende B\u00fcndnis 90\/ die Gr\u00fcnen), Jonathan Wulff (Fraktionsvorsitzender SPD) und Karin Masche (Fraktionsvorsitzende die Linke.Offene Liste\/ Menschen f\u00fcr Fulda)  an einem Strang und stellten sich gern partei\u00fcbergreifend als Vorleser \u00f6ffentlich in den Dienst der Sache.<br \/>\nAuch auf der k\u00fcnstlerischen Seite kann man es durchaus aus Bekenntnis werten, dass mit Michael G\u00fcnther nicht nur ein Vertreter heimatlicher Blasmusik einen musikalischen Beitrag leistete, sondern auch der syrische Fl\u00fcchtling Alan Mustafa, mit seiner Langhalslaute Saz.<br \/>\nEntt\u00e4uschend war dagegen, dass nicht ein einziger Vertreter der t\u00fcrkischen Verb\u00e4nde in Fulda durch sein Kommen ein Bekenntnis zur Pressefreiheit geleistet hat. <\/p>\n<p>Flagge zeigen!<\/p>\n<p>Alle anderen Menschen, die gekommen waren, zeigten Flagge und versammelten sich auch zu einem gro\u00dfen Gruppenbild mit #freeDeniz-Plakaten, das von Fulda aus ein deutliches Signal sendet, das hoffentlich auch den Gemeinten in der Isolationshaft erreicht. Dass die Fuldaer dar\u00fcber hinaus eine so brisante und dabei auch noch unterhaltsame Veranstaltung gemeinsam erlebt hatten, macht diesen Abend zu einem nachhaltigen Erlebnis.<br \/>\nEs bleibt zu bef\u00fcrchten, dass es angesichts der prek\u00e4ren Lage der Pressefreiheit n\u00f6tig sein wird, diese Veranstaltung zu wiederholen und es bleibt zu hoffen, dass es auch dann ein Abend so voller Leidenschaft und Engagement f\u00fcr die Leidtragenden wird. Mehr davon!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>Es mag \u00fcberraschen bei einem so schweren Thema, aber tats\u00e4chlich war der Abend f\u00fcr die Pressefreiheit, den das K\u00fcnstler-Duo Marianne Blum und Guido Rohm auf die Beine gestellt hatten, alles andere als eine dr\u00f6ge Polit-Veranstaltung, in der nur gejammert und sich beklagt wird. 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