{"id":161748,"date":"2017-04-02T21:32:18","date_gmt":"2017-04-02T19:32:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/?p=161748"},"modified":"2017-04-02T21:32:18","modified_gmt":"2017-04-02T19:32:18","slug":"faszination-auerochsen-wie-die-rueckgezuechteten-urrinder-die-rhoen-pflegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=161748","title":{"rendered":"Faszination Auerochsen \u2013 wie die r\u00fcckgez\u00fcchteten Urrinder die Rh\u00f6n pflegen"},"content":{"rendered":"<p>Carmen Kronester ist Landwirtin mit Leidenschaft und einem Fable f\u00fcr eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Rinderrasse. Seit 2003 z\u00fcchtet sie auf den Bergwiesen am Dreil\u00e4ndereck von Hessen, Bayern und Th\u00fcringen Auerochsen oder auch Heckrinder. Dabei leisten die Tiere einen wichtigen Beitrag zur Landschaftspflege und liefern ein exzellentes feinmarmoriertes Rindfleisch. <\/p>\n<p>Carmen Kronester stellte ihre Erfahrungen mit der Zucht und Haltung der \u201eLangh\u00f6rner\u201c im Rahmen eines Vortrags auf der Wasserkuppe im Infogeb\u00e4ude des Biosph\u00e4renreservats vor. Dabei standen die typischen Verhaltensweisen dieser ganzj\u00e4hrig im Familienverbund gehaltenen Tiere im Mittelpunkt.<\/p>\n<p>Auerochsen waren urspr\u00fcnglich \u00fcber ganz Europa und Nordafrika verbreitet. Zahlreiche H\u00f6hlenzeichnungen dokumentieren die Verbreitung der m\u00e4chtigen Pflanzenfresser. Durch den Menschen wurden die Tiere immer weiter zur\u00fcckgedr\u00e4ngt und galten schlie\u00dflich ab Beginn des 17. Jahrhunderts als ausgestorben. Ab 1920 begannen die Gebr\u00fcder Heck, beide Zoodirektoren, mit R\u00fcckkreuzungen. Durch Kreuzung verschiedener alter Rinderrassen wurde versucht, den Ur wieder zum Leben zu erwecken. Allerdings waren die Tiere zun\u00e4chst deutlich kleiner. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Zuchtbem\u00fchungen wiederaufgenommen. Es gelang, durch das Einkreuzen von Taurusrindern, gr\u00f6\u00dfere Tiere zu z\u00fcchten, die schon sehr nah am ausgestorbenen Original waren. Inzwischen werden die Tiere, die lange Zeit als Heckrinder bezeichnet wurden, wieder als Auerochsen in den Zuchtb\u00fcchern gef\u00fchrt.<br \/>\nTypisch sind die langen gebogenen H\u00f6rner, das helle Mehlmaul und der helle Fellstreifen auf dem R\u00fccken, der sogenannte Aalstrich.<\/p>\n<p>Zurzeit beweidet die Kronesterherde rund 25 ha Bergwiesen auf der Hochrh\u00f6n. Die Herde besteht aus 35 Tieren aller Altersstufen. Gef\u00fchrt wird die Herde von der rangh\u00f6chsten Kuh. Sie wacht \u00fcber die Herde und f\u00fchrt sie. Erst an zweiter Stelle folgt der st\u00e4rkste Bulle. Bemerkenswert ist die Erfahrung, das bei zwei nahezu gleich starken Bullen die K\u00fche entscheiden, wer sie deckt. Typisch ist ebenfalls, dass es eine Art Kronprinzessin gibt. Dies ist eine ranghohe Kuh, die das Leittier unterst\u00fctzt und vertritt. Bei nahezu allen Aktivit\u00e4ten bleibt die Herde als Verband zusammen. K\u00e4lber werden teilweise abgesondert und in einer Art Kindergarten von einer erfahrenen Kuh betreut. Bei Gefahr r\u00fccken die K\u00fche zusammen. Dabei werden die K\u00e4lber entweder in die Mitte genommen oder unter Bewachung separiert. Letzteres geschieht z. B., wenn Hunde auf die Weide kommen. Dann versuchen die Auerochsen den St\u00f6renfried einzukesseln und anzugreifen. Mit dieser Strategie d\u00fcrfte es auch f\u00fcr W\u00f6lfe schwierig werden, ein Tier zu erbeuten.<\/p>\n<p>Beeindruckend ist auch das hohe Alter der Tiere. Zurzeit sind 16j\u00e4hrige K\u00fche in der Herde. Ein Alter von 20 \u2013 25 Jahren ist die \u00fcbliche Lebenserwartung der weitgehend stressfrei und artgerecht gehaltenen Auerochsen. W\u00e4hrend heute hochgez\u00fcchtete Milchk\u00fche im Schnitt kaum \u00e4lter als sechs Jahre werden, zeigt die extensive Haltung bei v\u00f6lligem Verzicht auf Kraftfutter, welch hohes Alter die Tiere tats\u00e4chlich erreichen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auch den Unbilden des Winters trotzen die urt\u00fcmlichen Tiere. B\u00e4ume, Geh\u00f6lzinseln und gr\u00f6\u00dfere Geb\u00fcsche bieten im Sommer Schutz vor der Sonne und im Winter Schutz vor kalten Winden. Dabei ist das Fell im Winter so dicht und gut isoliert, dass der Schnee darauf liegen bleibt. Kronester macht deutlich, dass die Wohlf\u00fchltemperatur der Tiere bei 7 Grad Celsius liegt. Auch der Winter in der Hochrh\u00f6n ist f\u00fcr die Tiere bei entsprechender F\u00fctterung kein Problem. Zugef\u00fcttert wird im Winter mit Bergheu. Bemerkenswert ist auch, dass die vergleichsweise kleinen Euter im Winter vollst\u00e4ndig behaart sind und damit das Euter vor K\u00e4lte sch\u00fctzen. Wichtig ist der ganzj\u00e4hrige Zugang zu flie\u00dfendem oder frischem Wasser.<\/p>\n<p>Bemerkenswert ist, dass die Tiere kaum ausbrechen. Sie kennen ihr Areal und kontrollieren es t\u00e4glich. Es besteht aber offenbar kein Bed\u00fcrfnis, dieses zu verlassen. Selbst wenn das Weidezaunger\u00e4t ausf\u00e4llt oder umgefallene B\u00e4ume den Zaun besch\u00e4digen, bleiben die Tiere innerhalb der weitl\u00e4ufigen Koppel.<\/p>\n<p>Die halbwilde Haltung der Tiere bringt auch eine Reihe von Herausforderungen mit sich. Bei der Schlachtung m\u00fcssen die Tiere auf der Weide geschossen werden. Da die Auerochsen als Haustiere gelten, m\u00fcssen Ohrenmarken angebracht und Impfungen sowie regelm\u00e4\u00dfige Blutuntersuchungen vorgenommen werden. W\u00e4hrend die T\u00f6tung in Zusammenarbeit mit einem J\u00e4ger erfolgt, kommen f\u00fcr die n\u00f6tigen Untersuchungen der Tiere professionalisierte Cowboys zum Einsatz. Diese treiben m\u00f6glichst ruhig und gelassen die Tiere zusammen und separieren einzelne zur Untersuchung anstehende Tiere. Und f\u00fcr das Anbringen der Ohrmarken kommt sogar das Lasso zum Einsatz.<\/p>\n<p>Eine Schlachtung erfolgt fr\u00fchestens nach drei Jahren. Das w\u00fcrzige marmorierte Fleisch der Auerochsen gilt als Delikatesse, weist kaum Adrealin auf und hat einen hohen Anteil an Omega 3-Fetts\u00e4uren. Familie Kronester vermarktet das Fleisch \u00fcber ausgesuchte Gastronomiebetriebe und die Direktvermarktung. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend Carmen Kronester f\u00fcr eine m\u00f6glichst wilde Haltung eintritt und den menschlichen Kontakt auf das N\u00f6tigste beschr\u00e4nkt, verfolgt Willi Schmidt von Reulbach eine andere Philosophie. Der Kuh- und Bisonfl\u00fcsterer der hessischen Rh\u00f6n war extra zur Veranstaltung mit Kuh, Kalb und Bullen im Viehanh\u00e4nger angereist. Seine rund 20 Auerochsen sind an den Menschen gew\u00f6hnt und weitgehend zahm. Aber auch er best\u00e4tigt, dass die artgerechte Haltung gesunde und ausgeglichene Tiere zur Folge hat, die viel Freude bereiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>Carmen Kronester ist Landwirtin mit Leidenschaft und einem Fable f\u00fcr eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Rinderrasse. Seit 2003 z\u00fcchtet sie auf den Bergwiesen am Dreil\u00e4ndereck von Hessen, Bayern und Th\u00fcringen Auerochsen oder auch Heckrinder. Dabei leisten die Tiere einen wichtigen Beitrag zur Landschaftspflege und liefern ein exzellentes feinmarmoriertes Rindfleisch. 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