{"id":160157,"date":"2017-02-14T07:56:39","date_gmt":"2017-02-14T06:56:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/?p=160157"},"modified":"2017-02-14T07:56:39","modified_gmt":"2017-02-14T06:56:39","slug":"annes-kampf-eine-dramatische-lesung-aus-dem-tagebuch-der-anne-frank-und-hitlers-mein-kampf-in-der-heubacher-synagoge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=160157","title":{"rendered":"\u201cAnnes Kampf\u00e2\u20ac\u009d, eine dramatische Lesung aus dem \u201cTagebuch der Anne Frank\u00e2\u20ac\u009d und Hitlers \u201cMein Kampf\u00e2\u20ac\u009d in der Heubacher Synagoge"},"content":{"rendered":"<p>Eine bewegende, mitunter auch beklemmende Begegnung erlebten die zahlreichen Menschen, die jetzt zur Lesung &#8220;Annes Kampf&#8221; in Heubachs einstige Synagoge gekommen waren \u2013 in eine Geb\u00e4ude, das nicht nur j\u00fcdisches Gotteshaus, sondern die meisten Jahre der Nazi-Herrschaft das Rathaus des Dorfes gewesen ist. Die Schauspielerin Marianne Blum und der Schriftsteller Guido Rohm gestalteten das Aufeinandertreffen von Passagen aus dem &#8220;Tagebuch der Anne Frank&#8221; und Adolf Hitlers &#8220;Mein Kampf&#8221; an dem historisch doppelt gepr\u00e4gten Ort hochspannend, provokativ und zugleich einf\u00fchlsam.<\/p>\n<p>&#8220;Erkenne, vor wem Du stehst&#8221;, so steht es unter einem Davidstern auf einer Gedenktafel an der Stirnwand der Synagoge, vor der Blum die Worte Anne Franks liest. Das gibt den ohnehin eindringlichen, mal naiv-kindlich, mal in allzu fr\u00fch erwachsen klingenden Texten der j\u00fcdischen Teenagerin noch mehr Pr\u00e4senz und Gewicht. Blum versteht es, auch den Humor in Annes Tagebuchgedanken erlebbar zu machen, ohne den grausamen Ernst der Situation auszublenden.<\/p>\n<p>Die Gedenktafel und der siebenarmige Leuchter trennen an diesem Abend die Welt des Verstecks der Familie Frank im Amsterdamer Hinterhaus von Hitlers &#8220;Mein Kampf&#8221;. Jeweils vom Licht in den Focus ger\u00fcckt, tragen Blum und Rohm ihre Texte vor. Dabei kontrastiert der Hitlers schnarrende Sprechweise aufnehmende, aber auf eigentliche Nachahmung verzichtende Rohm das Erz\u00e4hlen und Erleben des M\u00e4dchens mit grellen Schlaglichtern. In R\u00fcckblenden auf biographische Episoden wie das Scheitern Hitlers als Kunstmaler folgen harte Texte zu Hitlers Sicht des Judentuma, das jubelnde Loblied auf die Schl\u00e4ger der Nazi-Sturmtrupps, aber auch grundlegende Gedanken \u00fcber die Mechanismen zur Manipulation der Massen.<\/p>\n<p>Blum und Rohm haben f\u00fcr \u201eAnnes Kampf\u201ceine enorm dichte, im r\u00fcckblickenden Wissen um den Gang der Geschichte  immer wieder erschreckende Auswahl von Texten zusammengestellt. Die emotional packendsten Momente des Abends entstehen, wenn die ungleichen Autoren von ihren Texten aufsehen und einander direkt begegnen. Annes beharrend-trotziges \u201eIch habe Recht!\u201c klingt lange in der Erinnerung nach.<\/p>\n<p>Um das schier Unertr\u00e4gliche f\u00fcr das Publikum doch ertr\u00e4glich zu machen, unterbricht Blum das Gegeneinander der Worte immer wieder durch Lieder und Schlager jener Zeit. &#8220;Mir lejben ejbig!&#8221; widerspricht sie trotzig-kraftvoll mit einem jiddischen Lied den Verfolgungs-Androhungen aus &#8220;Mein Kampf&#8221;, und auch ein Zarah-Leander-Auftritt mit &#8220;Davon geht die Welt nicht unter&#8221; fehlt nicht. Hitlers Lobpreis auf den &#8220;germanischen Siegfried&#8221; kontrastiert sie kraftvoll mit der Schwert-Arie aus Wagners &#8220;Siegfried&#8221;.<\/p>\n<p>Unaufhaltsam schreiten die chronologisch angeordneten Textpassagen dem absehbar grausamen Ende entgegen: der Verhaftung der Franks in ihrem Hinterhaus-Versteck und der Deportation nach Bergen-Belsen, wo Anne und die meisten aus ihrer Familie im Februar oder M\u00e4rz 1945 sterben.<\/p>\n<p>Mit Paul Celans Gedicht &#8220;Todesfuge&#8221; gibt Rohm diesem ersch\u00fctternden Wissen eine Form \u2013 die Marianne Blum mit dem Friedrich-Holl\u00e4nder-Lied &#8220;Wenn ich mir was w\u00fcnschen d\u00fcrfte&#8221; ins Halb-Vers\u00f6hnliche bricht.<br \/>\nDer Applaus, der erst nach einer Zeit des Innehaltens einsetzt, ist gro\u00df. Im Namen des gastgebenden F\u00f6rdervereins der Synagoge w\u00fcrdigt Hartmut Zimmermann die Leistung der beiden K\u00fcnstler und unterstreicht, dass das Programm viel mehr ist als eine kritische R\u00fcckblende: Es sei Mahnung zur Wachsamkeit in Gegenwart und Zukunft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>Eine bewegende, mitunter auch beklemmende Begegnung erlebten die zahlreichen Menschen, die jetzt zur Lesung &#8220;Annes Kampf&#8221; in Heubachs einstige Synagoge gekommen waren \u2013 in eine Geb\u00e4ude, das nicht nur j\u00fcdisches Gotteshaus, sondern die meisten Jahre der Nazi-Herrschaft das Rathaus des Dorfes gewesen ist. 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