{"id":157792,"date":"2016-12-02T10:14:15","date_gmt":"2016-12-02T09:14:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/?p=157792"},"modified":"2016-12-02T10:14:15","modified_gmt":"2016-12-02T09:14:15","slug":"fluechtige-seelen-menschen-mit-traumata-und-traeumen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=157792","title":{"rendered":"\u201eFl\u00fcchtige Seelen\u201c \u2013 Menschen mit Traumata und Tr\u00e4umen"},"content":{"rendered":"<p>Im Saal des Innovationszentrums in Ulrichstein gab es keine freien Pl\u00e4tze mehr: Renate Lackner, Sprecherin der Osthessischen Initiative gegen Gewalt im Namen der Ehre und Mitorganisatorin des Fachtages, konnte rund 160 Fachleute zur Veranstaltung mit dem Titel \u201eFl\u00fcchtige Seelen \u2013 Menschen mit Traumata und Tr\u00e4umen\u201c begr\u00fc\u00dfen. Die Themenschwerpunkte \u201eLebenswirklichkeit von Menschen mit Fluchtgeschichten\u201c, \u201etranskulturelle Aspekte bei Traumatisierungen\u201c und \u201eSchutzkonzepte vor geschlechtsspezifischer Gewalt\u201c wurden in Vortr\u00e4gen und Workshops behandelt. Schon das zur Einstimmung vorgetragene pers\u00f6nliche Gedicht von Maryam Abbasi und die von Traudi Schlitt (Evangelisches Dekanat Alsfeld) sehr einf\u00fchlsam vorgetragene Leidens- und Fluchtgeschichte waren sehr bewegend.<\/p>\n<p>Maryam Abbasi lebt heute in Fulda und holt ihr Abitur nach. Sie sprach in ihrem Gedicht von den Tr\u00e4umen Fl\u00fcchtender, von dem Wunsch, dass eines Tages alles irgendwann wieder gut und friedlich sein wird. Die Fluchtgeschichte der jungen afghanischen Frau, die Traudi Schlitt vortrug, beginnt im Iran mit einer Zwangsheirat im Alter von 14 Jahren und der Scheidung vom gewaltt\u00e4tigen Ehemann, der ihr mit einem Tritt in den schwangeren Bauch das ungeborene Kind nimmt. \u201eKind, jetzt hast du wirklich ein Problem\u201c, h\u00f6rt sie von ihrer Familie nach der Scheidung. Und in der Tat: Der Ex-Mann verfolgt sie und ihre Familie, droht Gewalt und sogar die T\u00f6tung von Familienmitgliedern an. Die junge Frau flieht mit einem Teil der Familie \u00fcber unz\u00e4hlige Stationen bis nach Norwegen, wo man sie als \u201eDublin-Fall\u201c nach f\u00fcnf Jahren zur\u00fcck nach Griechenland schicken will. Dazwischen liegen weitere \u201ekleine Fluchten\u201c, auch Gef\u00e4ngnisaufenthalte. Heute lebt sie in Deutschland \u2013 noch immer in Angst, zur\u00fcck geschickt zu werden. Sie ist Norwegen zum christlichen Glauben konvertiert \u2013 nicht auszudenken, wie es nach einer R\u00fcckkehr nach Afghanistan weiter ginge.<\/p>\n<p>Ein bewegendes Einzelschicksal, das in dieser Zeit leider kein Einzelschicksal ist sondern den Fachleuten, die mit Fl\u00fcchtlingen und traumatisierten Menschen zu tun haben, tausendfach begegnet. \u201eWas soll man sagen nach einer solch bewegenden Geschichte\u201c, schloss Vizelandrat Dr. Jens Mischak daran an, \u201ehier geht es heute genau um solche Einzelschicksale, nicht um Zahlen, Geld oder Obergrenzen f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge. Das ist ein Kontrapunkt zu den aktuellen Diskussionen und dem Suchen nach einfachen Antworten.\u201c Er begr\u00fc\u00dfte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Fachtags in der h\u00f6chstgelegenen Stadt Hessens und w\u00fcnschte allen einen erf\u00fcllten Tag. Sein Dank galt den Organisatorinnen aus den Fachstellen der Kreisverwaltung und der Osthessischen Initiative gegen Gewalt im Namen der Ehre.<\/p>\n<p>Cornelia Schonhart von der Landeskoordinierungsstelle gegen h\u00e4usliche Gewalt im Hessischen Justizministerium prophezeite: \u201eWir sind mit vielen Fragen zu diesen aktuellen Themen hergekommen, und wir werden auch mit vielen \u2013 vielleicht anderen \u2013 Fragen wieder rausgehen\u201c. Sie hatte erschreckende Zahlen im Gep\u00e4ck: Die Zahl polizeibekannter F\u00e4lle h\u00e4uslicher Gewalt liege in Hessen seit Jahren bei rund siebeneinhalb Tausend, 85 Prozent der Opfer seien weiblich. \u201eWir haben aber noch eine weitere Zahl: Im vergangenen Jahr waren am Tatort der h\u00e4uslichen Gewalt \u00fcber f\u00fcnftausend Minderj\u00e4hrige\u201c, so Schonhart, \u201eund diese Kinder und Jugendlichen wohnen dort und bleiben im gewaltt\u00e4tigen Umfeld.\u201c Daher habe man verst\u00e4rkt diese Kinder und Jugendlichen in den Blick genommen und betreibe zus\u00e4tzliche T\u00e4terarbeit zum Schutz der Opfer. Ein h\u00e4ufiges Problem stelle f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge allerdings der Zugang zu Hilfsangeboten dar, sagte sie abschlie\u00dfend und unterstrich die Wichtigkeit eines solchen Fachtages f\u00fcr die theoretische Auffrischung aber auch die Intensivierung von Wissen.<\/p>\n<p>Edibe Hertel, Religionswissenschaftlerin und Lehrbeauftragte an der Hochschule Fulda, ist zugleich stellvertretende Vorsitzende des Vereins Maalula, der Christen in Syrien unterst\u00fctzt. Sie gab in ihrem Vortrag \u201eFlucht aus dem B\u00fcrgerkrieg \u2013 Traum und Wirklichkeit\u201c einen fundierten Einblick in Entstehung und Entwicklung des B\u00fcrgerkriegs in Syrien. Am Anfang standen friedliche Proteste im Jahr 2011 und die Demonstrierenden proklamierten \u201eWir wollen keine Einmischung von au\u00dfen\u201c \u2013 \u201eDoch genau diese Einmischung kam sehr schnell und von allen Seiten\u201c, erkl\u00e4rte Hertel dann anhand von Karten, die nicht nur zeigten, in welchen Gebieten welche Gruppierung vorherrscht. Sie zeigte auch auf, welche Staaten und Gruppierungen miteinander arbeiten und welche gegeneinander vorgehen. Religions- und ethnische Strukturen sowie Gruppierungen und die Einfl\u00fcsse ausl\u00e4ndischer Kr\u00e4fte auf syrischem Boden, die Fluchtwege, Tr\u00e4ume und Erwartungen der Gefl\u00fcchteten waren Themen ihres Vortrags. \u201eDie Folgen des B\u00fcrgerkriegs sind mehr als 260 Tausend Tote, rund 13 Millionen Menschen auf der Flucht, ein zerst\u00f6rtes Land und zerst\u00f6rte Infrastruktur\u201c, z\u00e4hlte die Wissenschaftlerin auf.<\/p>\n<p>\u00dcber den Schutz von gefl\u00fcchteten Menschen vor geschlechtsspezifischer Gewalt referierte Tatjana Leinweber, Sozialwissenschaftlerin, Referentin f\u00fcr Gewaltschutz und Flucht. Sie zeigte an mehreren Beispielen eindr\u00fccklich auf, wieso Schutzkonzepte in Einrichtungen der Fl\u00fcchtlingshilfe erforderlich sind und was sie beinhalten sollten. Sie berichtete von einem Gesetzgebungsverfahren, das voraussichtlich bis Anfang n\u00e4chsten Jahres die Etablierung  von Schutzkonzepten verbindlich vorschreibt.<\/p>\n<p>Der wissenschaftliche Leiter des Fachtages, Dr. Peter Kramuschke, sprach \u00fcber \u201eBegegnungen \u2013 M\u00f6glichkeiten und Grenzen einmaliger therapeutischer Gespr\u00e4ch mit Gefl\u00fcchteten\u201c Er beschrieb die Interaktion zwischen professionellen bzw. ehrenamtlichen Helfern und der Menschen mit Fluchtgeschichten, die oft von Offenheit und Neugierde auf der einen Seite und  einem nicht verstehenden Verschlie\u00dfen auf der anderen Seite gepr\u00e4gt ist. Sehr eindr\u00fccklich schilderte er anhand von Fallbeispielen die Notwendigkeit, durch Flucht traumatisierten Menschen das Gef\u00fchl von Sicherheit zu geben. Leider st\u00fcnden dem heutzutage oft strukturelle Hindernisse des Hilfesystems und die versch\u00e4rfte Gesetzteslage entgegen.<br \/>\nVier Workshops boten den Fachleuten Gelegenheit f\u00fcr direkten fachlichen Austausch und Diskussion: Nora Hettich und Hauke Witzel vom Sigmund-Freud-Institut Frankfurt stellten unter dem Titel \u201eTraumatische Erfahrungen von Gefl\u00fcchteten und ihre Folgen\u201c Konzepte und Ergebnisse der Traumaforschung und \u00dcberlegungen zur Betreuung von Gefl\u00fcchteten vor. Dr. Mirja Keller, Referentin am Zentrum Traumap\u00e4dagogik Hanau, betreute den Workshop zum Thema \u201eFlucht und Trauma \u2013 Gefl\u00fcchtete Jugendliche in der Jugendhilfe\u201c. Der Arzt f\u00fcr Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin Dr. Peter Kramuschke diskutierte nach seinem Kurzvortrag \u201ePsychotherapie mit Gefl\u00fcchteten in Erstaufnahmeeinrichtungen\u201c aktuelle F\u00e4lle aus der Praxis. Und Luise Sievers vom Evangelischen Zentrum f\u00fcr Beratung und Therapie am Weissen Stein in Frankfurt stellte mit Selamawit Tewelde die Frage \u201ePsychosoziale Beratung von Gefl\u00fcchteten mit Dolmetschern: Beratung zu Dritt \u2013 kann das funktionieren?\u201c.<\/p>\n<p>Zum Abschluss spielten Musiker des One world orchestras \u2013 einem Projekt der Lauterbacher Musikkulturschule unter Leitung von Herrn Scharrer mehrere Lieder und stellten so eindr\u00fccklich unter Beweis, wie durch Musik verloren gegangenes Vertrauen wieder zu wachsen beginnen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>Im Saal des Innovationszentrums in Ulrichstein gab es keine freien Pl\u00e4tze mehr: Renate Lackner, Sprecherin der Osthessischen Initiative gegen Gewalt im Namen der Ehre und Mitorganisatorin des Fachtages, konnte rund 160 Fachleute zur Veranstaltung mit dem Titel \u201eFl\u00fcchtige Seelen \u2013 Menschen mit Traumata und Tr\u00e4umen\u201c begr\u00fc\u00dfen. 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