{"id":157727,"date":"2016-12-01T10:15:29","date_gmt":"2016-12-01T09:15:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/?p=157727"},"modified":"2016-12-01T10:15:29","modified_gmt":"2016-12-01T09:15:29","slug":"landrat-goerig-will-neue-konzepte-nicht-nur-in-der-jugendhilfe-sondern-auch-in-der-behindertenhilfe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=157727","title":{"rendered":"Landrat G\u00f6rig will neue Konzepte nicht nur in der Jugendhilfe, sondern auch in der Behindertenhilfe"},"content":{"rendered":"<p>Professor Dr. Wolfgang Hinte sagt: \u201eKein Mensch ist nur hilfsbed\u00fcrftig\u201c. Vielmehr pl\u00e4diert er f\u00fcr einen klaren Blick auf die Ressourcen der Menschen und auf die (gestaltbaren) Bedingungen, die um den Hilfsbed\u00fcrftigen herum herrschen. Letzteres nennt der renommierte Sozialwissenschaftler \u201eSozialraumorientierung\u201c. Hinte war Hauptredner w\u00e4hrend einer Fachtagung in der Lauterbacher Sparkassen-Aula.<\/p>\n<p>Die Vogelsberger Jugendhilfe hat sich bereits in Sachen \u201eSozialraumorientierung\u201c auf den Weg gemacht. In der Arbeitsgemeinschaft der fachlichen Leiter psychiatrischer Einrichtungen und Dienste (AGFL) hatte man sich die Frage gestellt, ob dieser Ansatz auch f\u00fcr die Zukunft der Behindertenhilfe L\u00f6sungen bieten kann. Um darauf antworten zu finden, konnte die AGFL keinen Geringeren als Professor Dr. Hinte gewinnen, der im deutschsprachigen Raum als \u201eVater der Sozialraumorientierung\u201c gilt.<\/p>\n<p>Hans Dieter Herget, Sachgebietsleiter im Amt f\u00fcr Soziale Sicherung und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der AGFL freute sich, dass neben Landrat Manfred G\u00f6rig \u00fcber 160 Fachleute aus der Vogelsberger Sozialarbeit in die Lauterbacher Sparkassen-Aula gekommen waren. An den Vortrag von Professor Hinte schlossen sich am Nachmittag Workshops an.<\/p>\n<p>Haltungswechsel in der sozialen Arbeit<\/p>\n<p>In seinem inhaltlich komplexen und dennoch au\u00dferordentlich kurzweiligen Vortrag warb Hinte f\u00fcr einen Haltungswechsel in der sozialen Arbeit. Seine Kernthese: Menschen, die Hilfe von Fachleuten brauchen, wollen zu allererst ernst genommen werden. Sie wollen selbst ihre M\u00f6glichkeiten gestalten und nicht ein Konzept oder eine Ma\u00dfnahme \u201e\u00fcbergest\u00fclpt\u201c bekommen.<\/p>\n<p>\u201eDas Wichtigste ist, dass sich alle Beteiligten auf eine gemeinsame Haltung einigen\u201c, sagte Prof. Hinte. Alles Weitere \u2013 Strukturen, Ma\u00dfnahmen, Gremien und Kosten \u2013 folge erst in den n\u00e4chsten Schritten. Deutlich wies der Sozialarbeits-Wissenschaftler das \u201eSozialarbeiter-Motto\u201c der 1970-er Jahre zur\u00fcck, man m\u00fcsse den Klienten \u201eda abholen, wo er steht\u201c. Das sei \u201edunkle P\u00e4dagogik\u201c. Vielmehr gehe es um das \u201eErnstnehmen\u201c, um den tats\u00e4chlichen Willen der Betroffenen, die Hilfe suchten. Dieser Wille werde zur wesentlichen Kraft f\u00fcr Ver\u00e4nderungen, Verbesserungen und f\u00fcrs Unabh\u00e4ngig-Machen von staatlicher F\u00f6rderung.<\/p>\n<p>Menschen kann man nicht ver\u00e4ndern \u2013 Rahmenbedingungen schon<\/p>\n<p>Prof. Hinte pl\u00e4dierte nachdr\u00fccklich daf\u00fcr, die Rahmenbedingungen \u2013 also den \u201eSozialraum\u201c \u2013 zu gestalten und zu ver\u00e4ndern. Ein Ver\u00e4ndern von Menschen hingegen h\u00e4lt er f\u00fcr \u201epraktisch unm\u00f6glich\u201c. Dieser realistische Blick erfordere bei den Fachleuten \u201eein inneres Radar\u201c, ein feines Sensorium daf\u00fcr, was \u201ewirklich\u201c in dem Klienten vorgeht. Es gehe genau nicht um \u201eW\u00fcnsche erf\u00fcllen\u201c, sondern darum, den Willen des Betroffenen zum Schwungrad werden zu lassen. Auch wenn dies zun\u00e4chst auch einmal unkonventionell aussehen k\u00f6nnte. Und nat\u00fcrlich m\u00fcsse das \u201eordentlich mit den M\u00f6glichkeiten in der Realit\u00e4t\u201c abgeglichen werden. Es gehe nicht um \u201eBetreuung\u201c im bisherigen Sinne, sondern es gelte, mit den Menschen realistische Ziele zu vereinbaren. Gro\u00dfe Ziele und ganz kleine. Das f\u00fchre nicht zuletzt dazu, dass das Gef\u00fchl einkehre, selbst etwas geleistet zu haben und dass Menschen ihre W\u00fcrde behielten.<\/p>\n<p>Landrat G\u00f6rig: Der Ansatz ist richtig<\/p>\n<p>Landrat Manfred G\u00f6rig h\u00e4lt als Sozialdezernent Prof. Hintes Ansatz der \u201eSozialraumorientierung\u201c grunds\u00e4tzlich f\u00fcr richtig. Aktivierung statt Betreuung, den Sozialraum mit seinen M\u00f6glichkeiten neu erkennen und weiterentwickeln, Arrangements schaffen, statt \u201eAngebote \u00fcberst\u00fclpen\u201c, Zielgruppen-\u00fcbergreifend handeln \u2013 dies alles schaffe f\u00fcr die Fachleute mehr Horizont, mehr Kommunikation und Kompetenz.<\/p>\n<p>Kooperation statt Konkurrenz zwischen den Anbietern sozialer Hilfen m\u00fcsse zudem als Leitsatz gelten. Denn, so Prof. Hinte: \u201eMarkt versagt an so vielen Stellen \u2013 und im Sozialbereich hat Markt \u00fcberhaupt nichts zu suchen.\u201c Markt sei hier weder im Interesse der Klienten noch im Interesse der Steuerzahler.<\/p>\n<p>Am Schluss seines Vortrages riet Prof. Hinte zur Besonnenheit und Geduld: \u201eDas braucht Zeit. Damit es gut wird und von allen auch wirklich vertrauensvoll mitgetragen wird, muss man sich auf zehn Jahre insgesamt einstellen.\u201c Er f\u00fcgte an: \u201eWeil es im Vogelsbergkreis schon jetzt so gut l\u00e4uft \u2013 sagen wir: acht Jahre \u00e2\u20ac\u00a6\u201c. Mit dieser Botschaft gingen die Teilnehmer in die Workshops am Nachmittag. Hier wurden wichtige Aspekte zusammengetragen, die f\u00fcr die weiteren Schritte, hin zur \u201eSozialraumorientierung\u201c auch im Behindertenbereich wichtig sind.<\/p>\n<p>Moderatorin Annelore Hermes vom Parit\u00e4tischen Wohlfahrtsverband Hessen sowie Harry Bernardis (Vogelsberger Lebensr\u00e4ume) und Helmut Benner (Jugendamt) brachten zum Ausdruck, dass der Vogelsbergkreis bereits jetzt weiter sei als andere, was die bewusste Haltungs\u00e4nderung gegen\u00fcber den Klienten angeht. \u201eDie Idee ist jetzt f\u00fcr alle im Raum\u201c, beschrieb Bernardis die neuen M\u00f6glichkeiten, zielgruppengerecht neue Formen der Zusammenarbeit von Landkreis und freien Tr\u00e4gern zu wagen.<\/p>\n<p>Professor Dr. Wolfgang Hinte leitet das Institut f\u00fcr Stadtteilentwicklung, Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung (ISSAB) an der Uni Duisburg-Essen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>Professor Dr. Wolfgang Hinte sagt: \u201eKein Mensch ist nur hilfsbed\u00fcrftig\u201c. 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