{"id":156752,"date":"2016-11-03T14:00:18","date_gmt":"2016-11-03T13:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/?p=156752"},"modified":"2016-11-02T21:23:21","modified_gmt":"2016-11-02T20:23:21","slug":"wort-des-bischofs-zum-sonntag-6-november-2016-mahnende-erinnerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=156752","title":{"rendered":"\u201eWort des Bischofs\u201c zum Sonntag, 6. November 2016  Mahnende Erinnerung"},"content":{"rendered":"<p>Der emeritierte Bischof von Limburg zeigte mir vor einigen Jahren ein Bild, das ich nie vergessen habe: Es stellt einen kleinen Teil aus einer gr\u00f6\u00dferen Thorarolle dar, die beim schrecklichen Terror der Reichspogromnacht 1938, der wir am kommenden Mittwoch wieder gedenken, zerst\u00f6rt wurde. Nach der Verw\u00fcstung der Synagoge in einer deutschen Stadt hat damals ein 17-j\u00e4hriger Jugendlicher im Respekt vor der Buchrolle, die den Juden heilig ist, diese besch\u00e4digten Ausschnitte von der Stra\u00dfe aufgenommen und aufbewahrt. Als Christ versp\u00fcrte er Anteilnahme und Ehrfurcht.<\/p>\n<p>Die geretteten Thorareste enthalten Worte des Alten Testamentes aus den ersten f\u00fcnf B\u00fcchern der Bibel. Beim Gottesdienst in der j\u00fcdischen Synagoge wird die Thorarolle aus dem Schrein genommen und ge\u00f6ffnet, um daraus Gottes Wort zu verk\u00fcnden. Die Ausschnitte, die wie Buchseiten hinter dem Glasrahmen des Bildes zu sehen sind, zeigen deutliche Spuren von Zerst\u00f6rung. Der Text ist nur schwer zu entziffern. Und doch spricht aus dieser Schrift laute Mahnung. Bevor man \u00fcberhaupt ein Wort identifiziert hat, begreift man: Wo Menschen so brutale Gewalt angetan wird, wie vor 78 Jahren geschehen, wird sie auch Gott angetan. Wo Gottes Wort mit F\u00fc\u00dfen getreten wird, wie die braunen Barbaren es damals getan haben, hat der Mensch entsetzlich zu leiden.<\/p>\n<p>Der Blick auf diese Reliquie der Thora macht bewusst, was am Ende der Schriftrolle aus dem Mund des Mose im Buch Deuteronomium des Alten Testamentes zu lesen ist: \u201eHeute beschw\u00f6re ich euch: Verpflichtet eure Kinder, dass auch sie auf alle Bestimmungen dieser Weisung achten und sie halten. Das ist kein leeres Wort, das ohne Bedeutung f\u00fcr euch w\u00e4re, sondern es ist euer Leben\u201c (Dtn 32,46-47).<\/p>\n<p>Wo Menschen den Respekt vor Gott verlieren, geht auch die Achtung voreinander verloren. F\u00fcr immer m\u00fcssen die schrecklichen Ereignisse der Reichspogromnacht zur Mahnung daf\u00fcr werden, dass wir nicht wegschauen d\u00fcrfen. Denn mit der Stummheit vor der Geschichte w\u00e4chst Gleichg\u00fcltigkeit im Alltag, mit der eine Gottvergessenheit einhergeht, aus der am Ende brutale Menschenverachtung wird. Der Theologe Johann Baptist Metz spricht in diesem Zusammenhang von der Notwendigkeit einer \u201egef\u00e4hrlichen Erinnerung\u201c.<\/p>\n<p>Das Bild mit den Ausschnitten der Thorarolle von 1938 macht bewusst, wie sehr gerade uns Christen das Schicksal des j\u00fcdischen Volkes angeht. Die ersten f\u00fcnf B\u00fccher der Bibel, aus denen die besch\u00e4digten Worte kommen, erinnern an das Wort des Hl. Papstes Johannes Paul II., der der Kirche ins Ged\u00e4chtnis und ins Herz geschrieben hat, dass die Juden unsere \u201e\u00e4lteren Geschwister im Glauben\u201c sind. Diese besondere Verwandtschaft bedeutet umso mehr Verpflichtung in der Anteilnahme und im Einsatz f\u00fcr eine wachsame Erinnerung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>Der emeritierte Bischof von Limburg zeigte mir vor einigen Jahren ein Bild, das ich nie vergessen habe: Es stellt einen kleinen Teil aus einer gr\u00f6\u00dferen Thorarolle dar, die beim schrecklichen Terror der Reichspogromnacht 1938, der wir am kommenden Mittwoch wieder gedenken, zerst\u00f6rt wurde. 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