{"id":148465,"date":"2016-02-24T15:32:04","date_gmt":"2016-02-24T14:32:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/?p=148465"},"modified":"2016-02-24T15:32:04","modified_gmt":"2016-02-24T14:32:04","slug":"wirtschaft-und-arbeitsagentur-zur-integration-von-fluechtlingen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=148465","title":{"rendered":"Wirtschaft und Arbeitsagentur zur Integration von Fl\u00fcchtlingen"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem Hessen den Fl\u00fcchtlingen die Erstversorgung gesichert hat, haben die Arbeitsagentur und die Wirtschaft mit der zweiten und wesentlich langfristigeren Aufgabe begonnen, sie tats\u00e4chlich in Arbeit zu integrieren. Auf einer gemeinsamen Presse\u00c2\u00adkonferenz stellten Dr. Frank Martin, Leiter der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur f\u00fcr Arbeit, und Volker Fasbender, Hauptgesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverb\u00e4nde (VhU), ihre bisherigen Erfahrungen zum Start der Integration in Arbeit vor.<\/p>\n<p>Dr. Frank Martin machte heute deutlich, dass die aus ihren Heimatl\u00e4ndern gefl\u00fcchteten Menschen, die derzeit bei den Agenturen und Jobcentern registriert sind, zu einem gro\u00dfen Teil noch nicht den Anforderungsprofilen der Betriebe entsprechen. In den letzten 12 Mona\u00c2\u00adten wurden etwa 11.000 Menschen, die dem Personenkreis der au\u00dfereurop\u00e4ischen Asylzu\u00c2\u00adgangsl\u00e4nder zuzuordnen sind, bei den Agenturen und Jobcentern registriert. Davon sind rund 4.300 (40 Prozent) arbeitslos. Die restlichen 60 Prozent sind arbeitsuchend oder fallen unter die Zumutbarkeitsregelung, da zum Beispiel Kinder unter drei Jahren betreut werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>\u201eF\u00fcr Hessen ist angesichts der schrumpfenden Erwerbsbev\u00f6lkerung Zuwanderung ein wich\u00c2\u00adtiger Stabilit\u00e4tsfaktor. Wir wissen bereits heute, dass wir den kommenden Bedarf an Arbeits\u00c2\u00adkr\u00e4ften nicht aus eigenen Reihen decken k\u00f6nnen. Die r\u00fcckl\u00e4ufigen Arbeitslosenzahlen und steigenden Stellenmeldungen zeigen, dass wir uns keine Gedanken \u00fcber einen Verdr\u00e4n\u00c2\u00adgungswettbewerb machen m\u00fcssen, der Arbeitsmarkt ist robust und aufnahmef\u00e4hig. Die Aufgabe, die sich jetzt stellt, ist, die Menschen, so schnell wie m\u00f6glich durch Sprach- und Integrationskurse, Praktika, Qualifizierungen oder Ausbildung an unsere Arbeitswelt mit ihren Normen und Werten heranzuf\u00fchren. Dies braucht Zeit und ist nur innerhalb mehrerer Jahre zu bew\u00e4ltigen. Ich hoffe dabei auf schlankere Strukturen und auch schnellere Abl\u00e4ufe, damit wir die Menschen, die hier angekommen sind und sich einbringen wollen, nicht zu lange auf die Wartebank setzen\u201c, so Martin.<\/p>\n<p>Nach den derzeit vorliegenden Daten haben \u00fcber 80 Prozent keine abgeschlossene Berufs\u00c2\u00adausbildung und davon ein Gro\u00dfteil noch nicht einmal einen Schulabschluss. Das verwundert Martin nicht, ist doch etwa ein Drittel des Personenkreises unter 25 Jahren. \u201eHier m\u00fcssen unsere Bem\u00fchungen besonders greifen und das gemeinsame Ziel sein, diese jungen Men\u00c2\u00adschen, zumeist junge M\u00e4nner, fit f\u00fcr den Ausbildungsstart zu machen\u201c, f\u00fchrt Martin weiter aus. \u201eDer Fokus muss auf der Qualifizierung der Zuwanderer liegen, um einer Exklusion aus dem Arbeitsmarkt vorzubauen, die letztendlich Arbeitslosigkeit nach sich zieht\u201c. Seit Oktober 2015 hat die Bundesagentur f\u00fcr Arbeit etwa 16.000 Menschen aus den Erstaufnahme-Ein\u00c2\u00adrichtungen Deutschkurse anbieten k\u00f6nnen, f\u00fcr bis zu 3.000 Personen ist die Teilnahme an einer Kompetenzermittlung (\u201ePerspektive f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge &#8211; PerF\u201c) geplant und im April geht die Ma\u00dfnahme f\u00fcr junge Fl\u00fcchtlinge (\u201ePerspektive f\u00fcr junge Fl\u00fcchtlinge \u2013 PerjuF\u201c) an den Start.<br \/>\n2<\/p>\n<p>Es steckt vieles noch in den Anf\u00e4ngen, sagt Martin: \u201eWir sehen es als gro\u00dfen Erfolg an, so schnell fast 16.000 Menschen mit unseren Deutschkursen erreicht zu haben. Den gro\u00dfen Ansturm erwarten wir allerdings ab Mitte des Jahres. Je schneller die Entscheider des BAMF werden, umso mehr Zuwanderer werden in den Jobcenter ankommen.\u201c<\/p>\n<p>Volker Fasbender, Hauptgesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Vereinigung der hessischen Unternehmer\u00c2\u00adverb\u00e4nde (VhU), analysierte: \u201eDa wir nun 100.000 nach Hessen eingewanderte Menschen haben, deren Qualifikation wir noch nicht gen\u00fcgend kennen und die mit gro\u00dfer Wahrschein\u00c2\u00adlichkeit l\u00e4nger bleiben werden, m\u00fcssen wir so viele so rasch in Arbeit und Ausbildung inte\u00c2\u00adgrieren, wie irgend m\u00f6glich\u201c, beschrieb er die Herausforderung. Dass die Wirtschaft hier in hohem Ma\u00dfe zupackt, zeigt die F\u00fclle der Ma\u00dfnahmen \u00fcber die ganze Bandbreite der Bran\u00c2\u00adchen. Dabei sind &#8216;Mangelberufe&#8217; keineswegs auf hochqualifizierte T\u00e4tigkeiten begrenzt. Erfolgreiche Ausbildung und ein Einkommen aus Besch\u00e4ftigung sind die wichtigsten Grund\u00c2\u00adlagen der Integration. Also weg mit den Hindernissen wie Vorrangpr\u00fcfung und Besch\u00e4ftigungssperre. Die Wirtschaft hat ein gro\u00dfes Interesse daran, dass sie Mitarbeiter, in deren Ausbildung sie investiert hat, in der Folge auch besch\u00e4ftigen kann.\u201c<\/p>\n<p>Die Ma\u00dfnahmen der Wirtschaft reichen von Praktika \u00fcber Einstiegsqualifizierung (EQ) bis hin zur F\u00f6rderung von Willkommensklassen. Die Wirtschaft stellt Pl\u00e4tze f\u00fcr Berufsvorberei\u00c2\u00adtende Bildungsma\u00dfnahmen (BVB) zur Verf\u00fcgung und bietet Werksf\u00fchrungen mit Erl\u00e4uterung von Ausbildungsm\u00f6glichkeiten. Sie unterst\u00fctzt Integrationsma\u00dfnahmen in Kindertagesst\u00e4tten und Schulen, stellt Grundausstattung f\u00fcr die Einschulung bereit. Sie baut ihre Ausbildungsplatzkapazit\u00e4ten aus. Sie \u00f6ffnet Tarifvertr\u00e4ge zur Integration von Jugendlichen in Ausbildung f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge, unterst\u00fctzt F\u00f6rderkonzepte f\u00fcr Seiteneinsteiger ohne Deutschkenntnisse und stellt spezielle Praktikumspl\u00e4tze mit aufbauenden Ausbildungspl\u00e4tzen bereit.<\/p>\n<p>Die einzelnen Branchen<\/p>\n<p>Die 6.620 Unternehmen der Geb\u00e4udereinigungsbranche mit 124.00 Besch\u00e4ftigten in Hes\u00c2\u00adsen suchen st\u00e4ndig ausgebildete Fachkr\u00e4fte, bieten aber auch Besch\u00e4ftigung f\u00fcr An\u00c2\u00adgelernte, die nicht \u00fcber deutsche Sprachkenntnisse verf\u00fcgen. Es gibt anhaltende Schwie\u00c2\u00adrigkeiten, Ausbildungs- und Arbeitspl\u00e4tze zu besetzen. Ein Pilotprojekt f\u00fcr 15 Personen zum Einstieg in eine dreij\u00e4hrige Ausbildung zum Geb\u00e4udereiniger ist in Vorbereitung. Ein 18-t\u00e4\u00c2\u00adgiger Praxis\u00c2\u00adkurs mit einem dreimonatigen Praktikum im Anschluss k\u00f6nnte im September in eine regul\u00e4re Ausbildung m\u00fcnden.<\/p>\n<p>Die Systemgastronomie besch\u00e4ftigt bereits heute Mitarbeiter aus 125 Nationen, auch Fl\u00fcchtlinge. Sie sucht dringend Mitarbeiter f\u00fcr Crew und Management. Allerdings steht die aktuelle Rechtslage einer schnellen Integration im Weg. Vor Ablauf von 15 Monaten gilt die Vorrangpr\u00fcfung.<\/p>\n<p>Der Hotel- und Gastronomieverband DEHOGA Hessen berichtet von gro\u00dfem Interesse der Unternehmen, Fl\u00fcchtlinge auszubilden oder einzustellen, um dem gegenw\u00e4rtigen Fach\u00c2\u00adkr\u00e4ftemangel in dieser Branche zu begegnen. Auch hier erweist sich die Vorrangpr\u00fcfung als schwer handhabbares Instrument. Die Abschiebepraxis erschwert teilweise gelungene In\u00c2\u00adtegration: Im Best Western Plus Hotel Darmstadt wurde z. B. ein junger Afghane als Auszu\u00c2\u00adbildender eingestellt. Kurz darauf sollte er jedoch durch die Beh\u00f6rden abgeschoben werden. Unternehmen brauchen die Rechtssicherheit, dass eine begonnene Ausbildung abgeschlossen werden kann.<br \/>\nIm Bewachungsgewerbe bestehen ebenfalls Bedarf und die Bereitschaft, Fl\u00fcchtlinge ein\u00c2\u00adzustellen. Hier sind jedoch auch Sicherheitsaspekte zu beachten. Mitarbeiter ben\u00f6tigen ein gro\u00dfes polizeiliches F\u00fchrungszeugnis. Deshalb werden Einstellungen in Arbeit und Ausbil\u00c2\u00addung erst mit einiger zeitlicher Verz\u00f6gerung m\u00f6glich sein.<\/p>\n<p>Die Zeitarbeitsbranche besch\u00e4ftigt aktuell 22 Prozent Ausl\u00e4nder und hat bereits gro\u00dfe Er\u00c2\u00adfahrungen. Da sie Kunden in allen Branchen hat, ist sie pr\u00e4destiniert, bei der Integration eine wichtige Rolle zu spielen. Der Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen, IGZ, bereitet eine Schulungsma\u00dfnahme mit abschlie\u00dfender Personenzertifizierung f\u00fcr Mitarbeiter von Mitgliedsunternehmen vor, um diesen die psychologischen, kulturellen und rechtlichen Kenntnisse zu vermitteln, die bei der Einstellung von Fl\u00fcchtlingen hilfreich sind. Viele Unter\u00c2\u00adnehmen der Zeitarbeitsbranche bereiten Pilotprojekte f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge vor. In der Regel sind Zeitarbeitsunternehmen auch als Personaldienstleister t\u00e4tig. Sie vermitteln Arbeitnehmer, was jederzeit zul\u00e4ssig ist. Aber die Besch\u00e4ftigungssperre bis 15 Monate hat in der Praxis \u00fcberwiegend die Funktion einer b\u00fcrokratischen H\u00fcrde, die die Welt etwas komplizierter macht, als sie sein m\u00fcsste.<\/p>\n<p>In der Metall- und Elektro-Industrie haben wir im Dezember Ergebnisse einer Umfrage publiziert. Danach sind die M+E-Unternehmen in hohem Ma\u00dfe bereit, Fl\u00fcchtlinge \u00fcber Ein\u00c2\u00adstiegsqualifizierungen an Ausbildung und Jobs heranzuf\u00fchren und in Arbeit zu integrieren. Schon jetzt haben \u00fcber 6 Prozent Fl\u00fcchtlinge eingestellt, \u00fcber 30 Prozent haben es kurz\u00c2\u00adfristig geplant. \u201eDas halten wir f\u00fcr erstaunlich hohe Zahlen, wenn man in Betracht zieht, wie kritisch die M+E-Unternehmen die Qualifikation der Azubis bewerten, wie schwer es aktuell noch ist, Fl\u00fcchtlinge \u00fcberhaupt zu rekrutieren und dass es in unserer Industrie praktisch kaum Helferjobs gibt\u201c, so Fasbender. In den anderen Industriezweigen \u2013 Chemie, Pharma, Bauindustrie \u2013 gebe es ebenfalls viele Beispiele zur Aus- und Weiterbildung<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>Nachdem Hessen den Fl\u00fcchtlingen die Erstversorgung gesichert hat, haben die Arbeitsagentur und die Wirtschaft mit der zweiten und wesentlich langfristigeren Aufgabe begonnen, sie tats\u00e4chlich in Arbeit zu integrieren. 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