{"id":141372,"date":"2015-07-23T20:21:37","date_gmt":"2015-07-23T18:21:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/?p=141372"},"modified":"2015-07-23T20:21:37","modified_gmt":"2015-07-23T18:21:37","slug":"die-solistin-und-der-satan-zeitzeugengespraeche-an-der-eduard-stieler-schule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=141372","title":{"rendered":"Die Solistin und der Satan Zeitzeugengespr\u00e4che an der Eduard-Stieler-Schule"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/2.-Siegbert-Schefke.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-141375\" src=\"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/2.-Siegbert-Schefke-265x199.jpg\" alt=\"2. Siegbert Schefke\" width=\"265\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/2.-Siegbert-Schefke-265x199.jpg 265w, https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/2.-Siegbert-Schefke-600x450.jpg 600w, https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/2.-Siegbert-Schefke.jpg 900w\" sizes=\"(max-width: 265px) 100vw, 265px\" \/><\/a>Im Rahmen des Zeitzeugenprojektes der Hessischen Landesregierung und in Vorbereitung des 25. Jahrestages der Wiedervereinigung am 03. Oktober 2015 hatte der Fachbereich Politik und Wirtschaft der Eduard-Stieler-Schule Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler eingeladen, unter Moderation von Ren\u00e9-Andr\u00e9 Kohl mit zwei Zeitzeugen des DDR-Regimes in Kontakt zu treten.<\/p>\n<p>In einem ersten Zeitzeugengespr\u00e4ch begr\u00fc\u00dfte Schulleiter Dr. Drexler die 71j\u00e4hrige Edda Sch\u00f6nherz in der neu initiierten Forumsplattform \u201eESS talks \u00e2\u20ac\u00a6\u201c und diese berichtete von den Anf\u00e4ngen des \u201eDDR-Unrechtstaates\u201c, in dem sie als Fernsehmoderatorin und Ansagerin des DDR-Fernsehens eine herausragende Position innehatte, die ihr Kontakt zu f\u00fchrenden Pers\u00f6nlichkeiten erm\u00f6glichte und Bekanntheit auch \u00fcber die Grenzen der DDR bescherte. Die Tr\u00e4gerin des Bundesverdienstkreuzes nahm die interessierten Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler gedanklich mit in das ehemalige sowjetische Untersuchungsgef\u00e4ngnis Hohensch\u00f6nhausen in Berlin, in dem in den Nachkriegsjahren politische Gegner des Sowjetsystems inhaftiert wurden. Die Berichte aus dem \u201eU-Boot\u201c schockierten die Sch\u00fcler, da hier in unterirdischen, feuchten Zellen auf wenig Raum viele Gefangene einsa\u00dfen, wobei sogar deren Haare von der Feuchtigkeit schimmelten. Diese Geb\u00e4ude \u00fcbernahm 1951 das Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit und erweiterte es 1961 zur zentralen Untersuchungshaftanstalt, einer von vieren in der DDR, die erst mit der Wiedervereinigung ihre Tore schloss. Bewegend waren Sch\u00f6nherz\u00e2\u20ac\u02dc Berichte \u00fcber ihre Gefangennahme wegen \u201eKl\u00e4rung eines Sachverhalts\u201c, weil sie sich in Budapest nach den M\u00f6glichkeiten einer Ausreise erkundigte und sie infolge ihrer Verurteilung wegen \u201estaatsfeindlicher Verbindungsaufnahme\u201c und \u201eVorbereitung eines ungesetzlichen Grenz\u00fcbertritts in besonders schwerem Fall\u201c v\u00f6llig von ihren Kindern und der Au\u00dfenwelt isoliert wurde. Die darauf folgenden drei Jahre Haft in Hohensch\u00f6nhausen und der ber\u00fcchtigten Strafvollzugseinrichtung Stollberg (Hoheneck), wo sie \u201eunter M\u00f6rderinnen\u201c eingesperrt war, sollten sie \u201ebrechen\u201c und \u201ezersetzen\u201c, aber sie habe ein Ziel vor Augen gehabt: die Verwirklichung der B\u00fcrger- und Menschenrechte.<\/p>\n<p>Gerade die Unterzeichnung der Schlussakte der Konferenz f\u00fcr Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) vom 2. August 1975 durch die DDR in Helsinki lie\u00df Edda Sch\u00f6nherz f\u00fcr das System \u201eunangenehm\u201c werden, da sie immer wieder auf die Nichteinhaltung der Bestimmungen dieser Schlussakte verwies. Nach ihrer Freilassung sollte sie 1977 als Hilfskraft in einer Gro\u00dfb\u00e4ckerei beginnen, denn die DDR-F\u00fchrung wollte unter allen Umst\u00e4nden verhindern, dass sie wieder auf den Bildschirmen zu sehen war. Die Katholische Kirche von Berlin erm\u00f6glichte es Edda Sch\u00f6nherz aber durch eine Anstellung als Fotografin, in Berlin zu bleiben und ihre Bem\u00fchungen um Ausreise weiter zu betreiben.\u00c2\u00a0 1979 \u00f6ffnete sich die Grenze f\u00fcr die Frau, die von \u201eDeutschland nach Deutschland\u201c reisen wollte, und sie fand eine Anstellung beim Bayerischen Rundfunk, wo sie wieder als Moderatorin arbeitete. Ein \u201eTriumph\u201c sei es gewesen, dass w\u00e4hrend ihrer ersten Sendung im Fernsehen parallel der Staatsrat der DDR tagte. Zum Abschluss gab sie den Sch\u00fclern mit auf den Weg, dass \u201edas Vergessen zwar menschlich sei, aber politisch sehr gef\u00e4hrlich.\u201c Die Jugend sei es, auf die es ankomme, denn sie sei die Zukunft \u2013 und diese Zukunft habe das DDR-Regime immer wieder gebrochen, gef\u00fcgig gemacht und somit den eigenen Untergang eingeleitet. All dies l\u00e4sst sich in ihrem Roman \u201eDie Solistin\u201c nachlesen.<\/p>\n<p>Siegbert, \u201eSiggi\u201c, Schefke konzentrierte sich in einem zweiten Zeitzeugengespr\u00e4ch auf die letzte Phase der DDR, die aus seiner Sicht weniger vom \u201eKlassenkampf\u201c gepr\u00e4gt war, sondern mehr vor der \u201eAngst des Systems\u201c. Ber\u00fchmtheit erlangte Siggi Schefke durch die ersten bewegten Bilder von der Montagsdemonstration am 09. Oktober 1989, die er mit seinem Freund Aram Radomski von dem Turm der Nikolaikirche herab filmte, w\u00e4hrend westdeutsche Journalisten keinen Zugang mehr nach Leipzig hatten. Durch seinen Kontakt zu Diplomaten gelang es ihm, die Bilder in den Westen zu schleusen,\u00c2\u00a0 wo sie direkt in der Tagesschau \u00fcbertragen wurden. \u201eDiese Aufnahmen waren gef\u00e4hrlich, nicht, weil sie etwas Gef\u00e4hrliches zeigten, sondern weil sie zeigten, dass es keine Rowdys waren, die dort demonstrierten, sondern einfache Leute \u2013 und so wurden es bei der n\u00e4chsten Demonstration mehr Menschen.\u201c Schefke erz\u00e4hlte aus seiner Jugend, seinem Aufwachsen in der DDR. Seinem Unverst\u00e4ndnis, dass er in Budapest, dem \u201eParis des Ostens\u201c, B\u00fccher kaufen konnte, die ihm an der Grenze zur DDR bei einer Kontrolle einfach abgenommen wurden. \u201eIch verstehe bis heute nicht, warum wir die \u00e2\u20ac\u0161Ansichten eines Clowns\u00e2\u20ac\u02dc von Heinrich B\u00f6ll nicht lesen durften. Am liebsten h\u00e4tte man mir nicht nur das Buch, sondern auch mein Wissen \u00fcber dieses Buch genommen.\u201c\u00c2\u00a0 Es habe so viele Fragen gegeben, die einem Heranwachsenden niemand beantwortet habe. So sei ihm beim Betrachten des Stacheldrahtzaunes aufgefallen, dass dieser gegen die DDR gebogen war und nicht zur Abwehr des kapitalistischen Feindes. Sehr detailliert und somit f\u00fcr die Sch\u00fcler nachvollziehbar schilderte Schefke wie er die vor seiner Wohnung wartende Staatssicherheit durch eine Flucht \u00fcber die D\u00e4cher der Bornholmer Stra\u00dfe in Berlin abh\u00e4ngte, um an seine Filmaufnahmen in Leipzig zu gelangen. \u201eAbends bin ich auf dem gleichen Weg wieder zur\u00fcck in meine Wohnung, ein Blick aus dem Fenster, die Staatssicherheit war noch da und am n\u00e4chsten Morgen bin ich mit ihr wieder zum B\u00e4cker gegangen.\u201c<\/p>\n<p>Gerade diese lockere und ein wenig satirische Darstellungsform f\u00fchrte immer wieder zu spontanen Zwischenfragen, auf die Schefke gerne einging. Auf die Frage, warum er nicht ausreisen wollte, obwohl ihm die Freiheit \u2013 Schefke wurde von 1985 an die Ausreise aus der DDR, auch in die sozialistischen Bruderstaaten, verwehrt \u2013 so wichtig sei, gab er sein Motto zur Zeit der DDR preis: \u201eBleibe in deinem Land und wehre dich t\u00e4glich.\u201c Diese Wehrhaftigkeit hat ihm wohl auch den Decknamen \u201eSatan\u201c eingebracht, einer der letzten \u201eOperativen Vorg\u00e4nge\u201c der Staatssicherheit, die in seinem Fall neun Stasi-Aktenordner, rund 3.000 Seiten, f\u00fcllt. Schefke hatte sich schon vor den Demonstrationen f\u00fcr das Aufdecken von Umweltverschmutzung, die Zerst\u00f6rung der historischen St\u00e4dte wie in Leipzig eingesetzt und Berichte f\u00fcr das Westfernsehen verfasst. Heute ist er f\u00fcr den Mitteldeutschen Rundfunk t\u00e4tig und genie\u00dft die Freiheit, zu reisen, wohin ihn fr\u00fcher nur seine Tr\u00e4ume gef\u00fchrt haben. \u201e40 Jahre zu warten, bis ich das Brandenburger Tor von der anderen Seite sehen k\u00f6nnen sollte, waren mir einfach zu lang. Wir haben Geschichte geschrieben, sagte mein Freund Aram, als wir als einzige \u00fcber die Bornholmer Br\u00fccke (B\u00f6sebr\u00fccke) nach Westen gingen. Ich antwortete, dass hinter der Biegung der Br\u00fccke ein LKW warte, der uns ins Gef\u00e4ngnis bringe. Wir stiegen jedoch in ein Mercedes-Taxi und fuhren in den Westen.\u201c<\/p>\n<p>Die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler dankten den beiden Zeitzeugen ihre Lebensgeschichte mit Beifall und kamen auch nach dem Ende der Veranstaltung noch zu pers\u00f6nlichen Fragen zusammen, die das Verst\u00e4ndnis eines f\u00fcr sie nicht mehr aktuellen Abschnitts der jungen deutschen Geschichte erleichterte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>Im Rahmen des Zeitzeugenprojektes der Hessischen Landesregierung und in Vorbereitung des 25. Jahrestages der Wiedervereinigung am 03. Oktober 2015 hatte der Fachbereich Politik und Wirtschaft der Eduard-Stieler-Schule Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler eingeladen, unter Moderation von Ren\u00e9-Andr\u00e9 Kohl mit zwei Zeitzeugen des DDR-Regimes in Kontakt zu treten. 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