{"id":140560,"date":"2015-07-04T09:38:00","date_gmt":"2015-07-04T07:38:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/?p=140560"},"modified":"2015-07-04T09:38:00","modified_gmt":"2015-07-04T07:38:00","slug":"debatte-zu-suizidbeihilfe-am-2-juli-2015-rede-von-brand-im-deutschen-bundestag-im-originaltext","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=140560","title":{"rendered":"Debatte zu Suizidbeihilfe am 2. Juli 2015 &#8211; Rede von Brand im Deutschen Bundestag im Originaltext"},"content":{"rendered":"<p><strong>Michael Brand (CDU\/CSU):<\/strong> Herr Pr\u00e4sident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir haben in der Orientierungsdebatte im November des letzten Jahres und danach eine w\u00fcrdige Debatte um Sterbebegleitung, um die W\u00fcrde des Lebens auch an seinem Ende gef\u00fchrt. Die gesellschaftliche Er\u00f6rterung des Themas Sterben haben wir dadurch ein gutes St\u00fcck aus der Tabuzone holen k\u00f6nnen. Auch was die Debatte unter uns Abgeordneten angeht, bin ich sehr froh und m\u00f6chte heute daf\u00fcr danken, dass wir gerade auch bei unterschiedlichen Haltungen den Respekt voreinander gepflegt haben.<\/p>\n<p>Schon weit vor der Debatte vom letzten November haben wir in einer Gruppe von Abgeordneten aus allen Fraktionen immer wieder die Frage er\u00f6rtert: Wie k\u00f6nnen wir erreichen, dass starker Schutz und die gute Begleitung am Ende des Lebens auch miteinander harmonieren? Wir suchten dabei von Anfang an die richtige Mischung aus menschlichen und medizinischen Antworten, n\u00e4mlich bestehend aus einer deutlichen St\u00e4rkung der Palliativ- und Hospizversorgung, guter Pflege und Ausbildung sowie vor allem menschlicher Zuwendung f\u00fcr die Menschen in Not, f\u00fcr die Sterbenden.<\/p>\n<p>Unser Leitsatz war und ist: Sterbende sollten an der Hand und nicht durch die Hand eines Mitmenschen sterben.<\/p>\n<p>Es ist ein tiefer Respekt vor der Einzigartigkeit und der W\u00fcrde eines jeden Menschen, der zu dem Gesetzentwurf gef\u00fchrt hat, den wir Ihnen heute vorschlagen. Dabei ist wichtig: Angeh\u00f6rige und nahestehende Personen behalten den Status wie bisher; wir wollen hier keine Versch\u00e4rfung. Das gilt auch f\u00fcr \u00c4rzte. Wir sch\u00fctzen mit unserem Gesetz das Vertrauensverh\u00e4ltnis zwischen Arzt und Patient auch in der finalen Phase; denn wir wissen: Das Strafrecht kann auch gar nicht jeden Einzelfall l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Wir wollen lediglich die gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfige Suizidbeihilfe von Vereinen oder Einzelpersonen &#8211; die auf Wiederholung angelegt ist &#8211; verbieten, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Unser Ansatz ist ein Weg der Mitte: Wir wollen weder weitreichende neue Strafbarkeiten wie ein Totalverbot noch die \u00d6ffnung hin zum \u00e4rztlich assistierten Suizid oder gar mehr. Die inzwischen \u00fcber 210 Abgeordneten, die unseren Ansatz unterst\u00fctzen, wollen auch einen Weg der Mitte: ma\u00dfvoll, sensibel, ohne auf der einen oder auf der anderen Seite zu weit zu gehen.<br \/>\nWir wollen die Risiken vermeiden, die wir in Nachbarl\u00e4ndern entdeckt haben. Die enorme, steigende Zahl der Todesursache Suizidbeihilfe oder gar T\u00f6ten auf Verlangen in einigen Nachbarl\u00e4ndern gibt Anlass zur Sorge auch mit Blick auf die Ausweitung von Suizidbeihilfe in Deutschland.<\/p>\n<p>Nach eingehender Analyse haben wir uns auf nur zwei Dinge konzentriert:<br \/>\nErstens soll das gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfige Angebot von Suizidbeihilfe unter Strafe gestellt und damit eine Regelungsl\u00fccke geschlossen werden, die inzwischen offen ausgenutzt wird. Als die Regelung von Suizid im Jahre 1871 eingef\u00fchrt wurde, konnte von gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig arbeitenden Sterbehilfevereinen oder Einzelpersonen niemand etwas wissen.<\/p>\n<p>Das Zweite, auf das wir geachtet haben: Wir wollen keine \u00d6ffnung zum \u00e4rztlich assistierten Suizid, sondern stattdessen einen Ausbau der Hilfen, und zwar fl\u00e4chendeckend. Wir wissen um die gro\u00dfartigen M\u00f6glichkeiten moderner palliativer Medizin, und wir wissen um die segensreiche Wirkung der Hospizbewegung. Hier sind sich alle Gruppen im Deutschen Bundestag einig: Wir wollen diese Hilfen verst\u00e4rken, und wir zollen allen ehrenamtlichen und hauptberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unseren allergr\u00f6\u00dften Respekt.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns sind es zwei Seiten ein und derselben Medaille: Wir wollen helfen, und wir wollen sch\u00fctzen. Dabei ist darauf zu achten, dass es keine falschen Kompromisse gibt. Wir wollen &#8211; wie die gro\u00dfe Mehrheit der \u00c4rzteschaft &#8211; auf keinen Fall, dass Beihilfe zum Suizid zu einer regul\u00e4ren Option \u00e4rztlichen Handelns wird. Das aber droht, wenn wir diese T\u00fcr \u00f6ffnen. Wird diese T\u00fcr einen Spalt breit ge\u00f6ffnet, ist der Fu\u00df erst einmal drin, dann wird die T\u00fcr immer weiter ge\u00f6ffnet; das zeigt die traurige Entwicklung in Nachbarl\u00e4ndern, die auch mit engen Kriterien begonnen haben. Die Kriterien &#8211; sie halten einfach nicht, sie werden aufgeweicht. Wir wissen inzwischen: Auch bei Sterbehilfe schafft Angebot Nachfrage. Viele Tausend sterben so inzwischen jedes Jahr in Belgien, in den Niederlanden und auch in der Schweiz. J\u00fcngstes Beispiel &#8211; und wohl nicht das Ende der Entwicklung &#8211; ist ein Fall aus Belgien, bei dem einer ansonsten v\u00f6llig gesunden 24-J\u00e4hrigen wegen ihres Suizidwunsches von \u00c4rzten aktive Hilfe beim Suizid angeboten wurde. Laut dem dort auch so genannten Euthanasiegesetz ist das in Belgien erlaubt, wenn sich ein Mensch &#8211; ich will das zitieren \u2013 \u201ein einer medizinisch aussichtslosen Lage befindet und auf ein anhaltendes unertr\u00e4gliches, k\u00f6rperliches oder psychisches Leid zur\u00fcckblickt.\u201c Liebe Kolleginnen und Kollegen, so ist das mit den sogenannten \u201eengen Kriterien\u201c, die weit dehnbare Begriffe wie \u201eunertr\u00e4glich\u201c beinhalten: Auch vermeintlich enge Kriterien halten nicht, sie werden immer weiter gedehnt.<\/p>\n<p>Wir wollen solch eine Entwicklung nicht. Wir wollen vielmehr die Selbstbestimmung von Menschen in Not sch\u00fctzen und eben keine Entwicklung, die Menschen mit ihrer Not und ihrer Last alleine l\u00e4sst; das kann niemand wollen.<\/p>\n<p>Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich habe Sterbende begleitet: Ich bin mit einem durch ein jahrzehntelanges Krebsleiden schwer gezeichneten Vater aufgewachsen. Wir haben es uns mit diesem Gesetzentwurf nicht einfach gemacht &#8211; weil es hier keine einfachen Antworten gibt. Aber eines haben wir getan: Wir wollen die schleichende Ausweitung eines gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfigen Umgangs mit dem Sterben eind\u00e4mmen. Verzweifelten Menschen sollte man die Verzweiflung nehmen, nicht das Leben. Wir wollen die W\u00fcrde bewahren, wir wollen sch\u00fctzen und helfen. Helfen Sie uns dabei!<br \/>\nVielen Dank.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>Michael Brand (CDU\/CSU): Herr Pr\u00e4sident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir haben in der Orientierungsdebatte im November des letzten Jahres und danach eine w\u00fcrdige Debatte um Sterbebegleitung, um die W\u00fcrde des Lebens auch an seinem Ende gef\u00fchrt. Die gesellschaftliche Er\u00f6rterung des Themas Sterben haben wir dadurch ein gutes St\u00fcck aus der Tabuzone holen k\u00f6nnen. 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