{"id":135225,"date":"2015-02-20T20:36:47","date_gmt":"2015-02-20T19:36:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fuldaer-nachrichten.de\/?p=135225"},"modified":"2015-02-20T20:36:47","modified_gmt":"2015-02-20T19:36:47","slug":"kein-mensch-hat-das-recht-ueber-den-eigenen-tod-zu-verfuegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=135225","title":{"rendered":"\u201eKein Mensch hat das Recht, \u00fcber den eigenen Tod zu verf\u00fcgen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>\u201eWeil das Leben ein Geschenk Gottes ist, hat kein Mensch das Recht, \u00fcber seinen eigenen Tod zu verf\u00fcgen. Das geschenkte Leben bis zu seinem Ende zu leben und auch das Sterben, ist Ausdruck der wahren Selbstbestimmung des Menschen.\u201c Dies stellt der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen in seinem diesj\u00e4hrigen Fastenhirtenbrief an die Gemeinden seiner Di\u00f6zese heraus. In dem Hirtenbrief, den der Oberhirte unter dem Titel \u201eAuf der Seite des Lebens\u201c mit Bezugnahme auf die aktuelle Diskussion um Sterbehilfe verfasst hat, geht es ihm um den Schutz des Lebens an seinem Ende in einer \u201eKultur des Geschehenlassens\u201c. \u201eWer, wenn nicht wir Christen, sollte die Letztverf\u00fcgung des Menschen \u00fcber sich selbst eindeutig zur\u00fcckweisen und sich klar auf die Seite des Lebens stellen?\u201c, fragt Bischof Algermissen. Die Kirche sollte den ganzen Menschen bejahen, auch seine Begrenztheit. \u201eWir glauben, wir m\u00fcssen nicht alles selbst vollbringen, was uns ausmacht. Wir glauben, das letzte Wort \u00fcber uns sprechen nicht wir \u2013 es spricht die Liebe Gottes.\u201c<\/p>\n<p>In dem Hirtenbrief, der am Sonntag und in den Vorabendmessen vom Samstag in der ganzen Di\u00f6zese verlesen wurde, betont der Bischof, dass Gott kein Leben gleichg\u00fcltig sei. Dies veranlasse Christen zu besonderer Behutsamkeit, wenn sie \u00fcber Leben und Tod entscheiden m\u00fcssten. Im Herbst wolle der Deutsche Bundestag zu einem Gesetz \u00fcber Sterbehilfe entscheiden, insbesondere in Bezug auf Hilfe beim Suizid. Die Gesetzentw\u00fcrfe reichten von sehr sparsamen Klarstellungen im Zivilrecht, die einer weitgehenden Erlaubnis der Suizidhilfe gleichk\u00e4men, bis hin zu dem Vorschlag, jede gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfige Suizidassistenz strafrechtlich zu verfolgen. In Parlament und \u00d6ffentlichkeit werde die Debatte bislang mit gro\u00dfem Ernst und Respekt vor der Meinung anderer gef\u00fchrt. \u201eAlle Gesetzentw\u00fcrfe enthalten ein klares Bekenntnis zu Palliativmedizin und Hospizarbeit\u201c, unterstreich der Oberhirte. Das lasse hoffen, dass das Angebot guter medizinischer Begleitung von Sterbenden bald wirklich fl\u00e4chendeckend ausgebaut werde. \u201eDenn die Medizin kann heute einem Sterbenden alle Schmerzen nehmen, ohne ihn zu t\u00f6ten.\u201c Der Bischof lobte die Tatsache, dass die sogenannte \u201eaktive Sterbehilfe\u201c bzw. die \u201eT\u00f6tung auf Verlangen\u201c weithin ein Tabu in den Entw\u00fcrfen sei.<\/p>\n<p>Der Mensch ist mehr als Krankheit und Verzweiflung<br \/>\nBischof Algermissen kritisiert in seinem Hirtenbrief, dass einerseits die W\u00fcrde des Sterbenden noch immer nicht klar genug herausgestellt worden ist und andererseits die Diskussion \u201emehr Weite\u201c brauche. \u201eOb Menschen bei nachlassenden Kr\u00e4ften den Wunsch haben, sich das Leben zu nehmen oder nicht, h\u00e4ngt wesentlich davon ab, ob sie \u00fcberhaupt ein Verh\u00e4ltnis dazu gefunden haben, dass wir endliche und zerbrechliche Wesen sind.\u201c Eine Gesellschaft, die nur auf Aktivit\u00e4t und Leistung setze, werde unmenschlich, gibt der Bischof zu bedenken. W\u00fcrde zu besitzen hei\u00dfe, man d\u00fcrfe niemals zu einem \u201eObjekt, zu einem blo\u00dfen Mittel, zur vertretbaren Gr\u00f6\u00dfe herabgew\u00fcrdigt\u201c (G\u00fcnter D\u00fcrig) werden. Menschen seien laut Algermissen mehr als nur Arbeitnehmer oder Konsumenten. \u201eErst recht sind wir mehr als nur Patienten, die durch ihre Krankheit definiert sind.\u201c Wo man Menschen nicht als sie selbst, sondern wie eine Sache, eine Funktion oder ein Krankheitsbild behandle, stehe ihre W\u00fcrde auf dem Spiel. \u201eWer sich aus Krankheit, Lebens\u00fcberdruss und Angst das Leben nimmt, engt sich ein auf die Verzweiflung, die er sp\u00fcrt \u2013 und wer ihm hilft sich umzubringen, folgt dessen verzweifelter Selbstwahrnehmung, statt ihm eine \u00d6ffnung der verengten Perspektive zu erm\u00f6glichen.\u201c<\/p>\n<p>Klare Absage an jede Suizidunterst\u00fctzung<br \/>\nEs kr\u00e4nke die Menschenw\u00fcrde nach Bischof Algermissen massiv, wenn auf eine t\u00f6dliche Verzweiflung mit der T\u00f6tung des Verzweifelten reagiert werde. \u201eDas gilt auch f\u00fcr die Selbstt\u00f6tung, ob assistiert oder ohne fremde Hilfe vollzogen.\u201c Es gehe nicht darum, Suizidenten zu verurteilen, sondern sie seien dem liebenden Gott anempfohlen, der heilen k\u00f6nne, was in ihrem Leben zerbrochen sei. Auch das Strafrecht bei Suizidversuch k\u00f6nne keinen Verzweifelten zur Achtung der eigenen W\u00fcrde bringen. \u201eDass unser Gesetz Suizide nicht ahndet, hei\u00dft aber nicht, dass uns Selbstt\u00f6tungen egal sein d\u00fcrften. W\u00e4re dem so, bef\u00e4nden wir uns bereits im kalten Reich der Gleichg\u00fcltigkeit und Indifferenz.\u201c Eine Gesellschaft, die achselzuckend auf das Selbstbestimmungsrecht verweise, wenn sich jemand umbringe, sei nicht frei, sondern zynisch, unterstrich der Bischof. \u201eWir als Gesellschaft stehen auf der Seite des Lebens. Das umfassende Verbot jeder Suizidf\u00f6rderung w\u00e4re ein solches Signal.\u201c<\/p>\n<p>Den einseitigen \u201eKult des t\u00e4tigen Lebens\u201c aufgeben<br \/>\n\u201eSo fordere ich im Namen der Menschenw\u00fcrde und der Lebensfreundlichkeit vom Gesetzgeber eine klare Absage an jede Suizidunterst\u00fctzung\u201c, f\u00e4hrt Bischof Algermissen fort. Es d\u00fcrfe keinerlei Zweifel an ihrer Rechtswidrigkeit geben, aber die bisher vorgelegten Gruppenantr\u00e4ge und Gesetzentw\u00fcrfe seien in diesem Punkt nicht klar genug und problematisch. Suizidwunsch und Suizidhilfe seien keine Themen, die sich aus heiterem Himmel erg\u00e4ben, sondern sie erw\u00fcchsen aus dem Gesamtzusammenhang von Selbstbild, Freiheitsverst\u00e4ndnis, Tr\u00e4umen und \u00c4ngsten. \u201eWir k\u00f6nnen niemals ganz verhindern, dass Alter und Krankheit unsere Schaffenskraft beeintr\u00e4chtigen und unsere Freiheitsr\u00e4ume verengen.\u201c Wenn ein Mensch sich ein Leben lang \u00fcber seine Aktivit\u00e4ten definiert habe, sei die Versuchung gro\u00df, lieber den schnellen Tod zu suchen, als sich von Krankheit und Alter in seiner Tatkraft stilllegen zu lassen. \u201eDie Wahrheit aber ist: Niemand verliert seine W\u00fcrde, weil er mit 80 Jahren nicht mehr das vermag, was ihm mit 40 noch leicht fiel.\u201c Vielmehr verbiete es die menschliche W\u00fcrde, sich mit dem gleichzusetzen, was man leiste. \u201eIch glaube daher, es ist h\u00f6chste Zeit, dass wir den einseitigen Kult des t\u00e4tigen Lebens aufgeben.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWenn es uns nicht gelingt, aus dem verengten Selbstbild der stets Aktiven, Mobilen und Unabh\u00e4ngigen auszubrechen, wenn wir dem Geschehenlassen und der Bed\u00fcrftigkeit nicht den Platz geben, der ihnen geb\u00fchrt, wenn wir keinen Weg finden, mit naturnotwendigen Freiheitsverlusten gelassen umzugehen, wird der Wunsch, dem Kontrollverlust bei schwerer Krankheit, beim Altern und Sterben durch Selbstt\u00f6tung zu entkommen, kein Einzelph\u00e4nomen bleiben.\u201c Bischof Algermissen erinnert an die Aussage des evangelischen Theologen Eberhard J\u00fcngel: \u201eEs gibt eine Passivit\u00e4t, ohne die der Mensch nicht menschlich w\u00e4re. Dazu geh\u00f6rt, dass man geboren wird. Dazu geh\u00f6rt, dass man geliebt wird. Dazu geh\u00f6rt, dass man stirbt.\u201c Eine \u201eKultur des Geschehenlassens\u201c verlange aber nicht nur einen ehrlicheren Blick auf sich selbst in der eigenen Bed\u00fcrftigkeit. Sie erfordere auch strukturelle Ver\u00e4nderungen in der Gesellschaft. \u201eEs bleibt zwar richtig und wichtig, dass wir auf die Aktivierung alter Menschen setzen und sie unterst\u00fctzen in ihrer Selbst\u00e4ndigkeit. Dar\u00fcber hinaus m\u00fcssen wir aber auch Strukturen schaffen, die es erlauben, die eigene Hinf\u00e4lligkeit zu bejahen\u201c, so der Bischof. Pflegeheime und Pflegestationen m\u00fcssten \u201eHeiligt\u00fcmer der Humanit\u00e4t\u201c sein (Papst Franziskus). \u201eGute Pflege ist teuer. Aber wenn wir an ihr sparen, m\u00fcssen wir uns nicht wundern, wenn die Kultur des Todes weiter um sich greift\u201c, schreibt Algermissen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>\u201eWeil das Leben ein Geschenk Gottes ist, hat kein Mensch das Recht, \u00fcber seinen eigenen Tod zu verf\u00fcgen. 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