{"id":13208,"date":"2008-11-02T08:31:14","date_gmt":"2008-11-02T07:31:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schoene-nachrichten.de\/?p=13208"},"modified":"2008-11-02T08:31:14","modified_gmt":"2008-11-02T07:31:14","slug":"trauer-braucht-einen-ort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fuldaernachrichten.de\/?p=13208","title":{"rendered":"Trauer braucht einen Ort"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hanau. <\/strong>Der Friedwald hat gewisserma\u00dfen Konjunktur: Bestattet unter B\u00e4umen, in der freien Natur, der Name auf einem kleinen Schildchen angebracht. Keine Arbeit f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen, will hei\u00dfen: die Arbeit im Sinne einer l\u00e4stigen Grabpflege entf\u00e4llt. Die Angeh\u00f6rigen haben ohnehin genug zu tun, da soll ihnen nicht auch noch die Pflege eines Grabes zugemutet werden: Ein Grab wirkt, im Vergleich, wie ein alter Zopf. Wirklich?<!--more--><br \/>\nEin Blick in unsere Geschichte zeigt: Das Trauern ist notwendigerweise weder minimalistisch noch nihilistisch. So haben etwa die Grabbeigaben eine lange Tradition, und das sind nicht etwa &#8220;Besonderheiten&#8221;, sondern Dinge aus dem Alltag. Warum gibt es eine solche Tradition, wenn nicht vor dem Hintergrund eines festen Glaubens an ein Leben nach dem irdischen Leben?<\/p>\n<p>Dass der Alltag vieler Menschen extrem voll gepackt ist mit Notwendigkeiten, mit Arbeit, mit \u00dcberstunden, kann und soll nicht bestritten werden. Sehr wohl aber darf bestritten werden, dass auch ein sehr voller Alltag keinen Raum mehr f\u00fcr Trauer l\u00e4sst. Wer trauert, braucht einen Ort, an dem getrauert werden kann. Gerade vor solchem Hintergrund kann die Trauer am Grab &#8211; selbst wenn die Zeit nur f\u00fcr ein kurzes Verweilen dort ausreicht &#8211; eine wertvolle Hilfe zur Bew\u00e4ltigung des Alltags sein. Welche Hilfe bietet &#8211; im Vergleich &#8211; ein Ort im Wald, den ich nur mit h\u00f6herem Zeitaufwand und mit mehr M\u00fche erreichen kann?<\/p>\n<p>Und wie sieht es erst aus, wenn ich selbst einmal \u00e4lter bin und mein Gesundheitszustand es mir gar nicht erst erm\u00f6glicht, einen Friedwald zum Trauern aufzusuchen &#8211; w\u00e4hrend ich den Weg zum nahen Friedhof immer noch bew\u00e4ltigen kann?  &#8220;Nach dem Tod ist nichts mehr. Was soll da denn noch sein?&#8221; &#8220;Vielleicht holt sich noch ein Wurm mal ein bi\u00dfchen Nahrung von einem selbst, und fertig&#8221; &#8220;Man lebt doch nur einmal&#8221; &#8211; das sind allt\u00e4gliche \u00c4u\u00dferungen, die von einer ausschlie\u00dflich diesseitigen Orientierung des Lebens zeugen.<\/p>\n<p><strong>Das Grab ist weit mehr als eine &#8220;\u00fcberholte Konvention&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Eine ganz andere Chance bietet sich da f\u00fcr die Kirche, insbesondere die Katholische Kirche, die auf eine lange Tradition im Umgang mit dem Tod verweisen kann. Wer tot ist, ist bei Gott &#8211; ein fester Glaube, der sich in Traditionen ausdr\u00fcckt und damit das eindeutige Signal setzt: Nach dem, was wir Tod nennen, ist eben nicht alles vorbei! Aus \u00fcber zehnj\u00e4hriger Erfahrung in der Klinikseelsorge wei\u00df ich: Es ist diese Chance, die den Angeh\u00f6rigen bei der Trauerbew\u00e4ltigung hilft, wenn der Trauerfall erst einmal eingetreten ist. &#8220;Man lebt nur einmal&#8221; eignet sich als Lebensmotto am besten, so lange eben kein Anlass zum Trauern besteht.<\/p>\n<p>Menschen wollen wissen, wo sie bestattet werden. Angeh\u00f6rige m\u00fcssen die Trauerarbeit, auch organisatorisch, mit ihrem Alltag in Einklang bringen. Das ist eine Realit\u00e4t, die man bedauern, der man sich aber auch stellen muss. Das wiederum kann bedeuten, Bed\u00fcrfnisse und Realit\u00e4ten zusammenzubringen.<\/p>\n<p>Themengr\u00e4ber einzurichten ist eine M\u00f6glichkeit &#8211; wie es das Beispiel der Stadt Braunschweig eindrucksvoll zeigt. Kolumbarien, Innenraum-Kolumbarien w\u00e4ren eine andere M\u00f6glichkeit &#8211; die \u00fcberdies der Tradition Rechnung tragen k\u00f6nnte, besondere Menschen an besonderen Orten zu bestatten.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt sind Grabst\u00e4tten immer auch historische Zeugnisse. Sie sagen etwas aus \u00fcber die Menschen, die dort bestattet sind und \u00fcber deren Zeit. Das Kinderbuch &#8220;Die Br\u00fcder L\u00f6wenherz&#8221;, das vom Sterben und vom Tod handelt und beides Kindern in behutsamer Weise vermittelt, ist durch die Inschrift auf einem Grabstein angeregt worden: Der Autorin Astrid Lindgren fiel eine solche Inschrift bei einem Gang \u00fcber einen Friedhof in Stockholm auf. \u00dcber das Buch entbrannte nach seinem Erscheinen eine bisweilen sehr hitzige Debatte. Heute ist genau dieses Buch ein Klassiker, Sicher nicht zuletzt deshalb, weil es vor der \u00dcberzeugung geschrieben wurde: Menschen brauchen Hoffnung und Perspektiven, nicht die Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit.<\/p>\n<p>Werner Gutheil<br \/>\nKatholischer Klinikpfarrer<br \/>\nHanau<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"tmnf_excerpt\"><p>Hanau. Der Friedwald hat gewisserma\u00dfen Konjunktur: Bestattet unter B\u00e4umen, in der freien Natur, der Name auf einem kleinen Schildchen angebracht. Keine Arbeit f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen, will hei\u00dfen: die Arbeit im Sinne einer l\u00e4stigen Grabpflege entf\u00e4llt. 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