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Projekt des Biosphärenreservats Rhön gemeinsam mit dem Botanischen Garten Frankfurt zum Erhalt einer seltenen Pflanzenart

Dass Birkhühner in die Rhön gebracht werden, um die hiesige Population zu erhalten, ist bekannt. Nun wurden, ebenfalls zur Stärkung des heimischen Bestands, 200 Sumpf-Fetthennen angesiedelt. Anders als der Name vermuten lässt, handelt es sich dabei nicht um Geflügel, sondern um Gewächse, deren Samen seit 2009 im Botanischen Garten Frankfurt vermehrt und kultiviert werden.

„Das ist alles?“, fragt der Ehrenberger Bürgermeister Thomas Schreiner mit gespielter Enttäuschung, als Biologe Uwe Barth den Kofferraumdeckel seines Autos öffnet und vier Plastikschalen mit einem unscheinbaren, kaum zehn Zentimeter hohen Kraut zum Vorschein kommen. Und doch handelt es sich bei der winzigen Pflanze mit dem wissenschaftlichen Namen Sedum villosum um eine der Top-Raritäten im Biosphärenreservat Rhön (BRR). Denn in Deutschland gilt die Sumpf-Fetthenne als nahezu ausgestorben; lediglich im Süd-Schwarzwald und auf den Berghutungen im Ulstertal gibt es noch Relikte.

Bereits 2012 hatte Barth – auf Anregung der Botanischen Vereinigung für Naturschutz in Hessen – in Zusammenarbeit mit dem Botanischen Garten Frankfurt, dem BRR und der Gemeinde Ehrenberg auf sechs verschiedenen Wiesen Sumpf-Fetthennen gepflanzt. Überdauert hat einzig die Population auf der Seifertser Hute, die deshalb als Standort für die aktuelle Pflanzung wieder ausgewählt wurde. Was zum Untergang der anderen Bestände geführt hat, kann auch der Experte bloß vermuten: „Die Samen sind nach der Blütezeit nur für ganz kurze Zeit keimfähig. Ist es dann gerade sehr trocken, gehen sie nicht auf. Ist es dagegen zu feucht, wachsen die umstehenden Gräser übermäßig und ersticken die Sumpf-Fetthenne.“

314-Fetthenne 1Das im Grunde nicht besonders anspruchsvolle Kraut benötigt offene Bodenstellen, wie sie durch Trittlöcher von Rinderhufen auf feuchten Weiden immer wieder hervorgerufen werden. Doch damit stehen die Bedürfnisse der Pflanzen den Interessen der meisten Wiesenbesitzer entgegen.  „Viele Feuchtwiesen wurden trockengelegt, Trittschäden säen Landwirte rasch nach, damit sich kein Unkraut durchsetzt“, erläutert Barth. Er und Martin Kremer vom Biosphärenreservat sind froh, dass es in Gemeinden wie Ehrenberg noch Gemeinschaftsweiden mit großen Viehherden gibt, die wie früher extensiv bewirtschaftet werden.

Für die insgesamt 70 Hektar Gemeinschaftshutung, zu denen die Seifertser Hute gehört, ist Weidewart Ralf Schmitt zuständig. Er muss wegen der angesiedelten Sumpf-Fetthennen keinerlei Einschränkungen in Kauf nehmen. Früher noch seien die Vorkommen der seltenen Pflanze umständlich ausgezäunt worden, bis die Erfahrung gezeigt habe, dass für die Sumpf-Fetthenne die Gemeinschaft mit dem Vieh genauso lebensnotwendig sei wie ein feuchter Untergrund.

Wenn der laufende LIFE-Antrag zum Hessischen Berggrünland genehmigt wird, könnten die Wiedervernässung extensiv genutzter Flächen gefördert und so bessere Lebensbedingungen für die Sumpf-Fetthenne geschaffen werden. Auch andere seltene Arten wie Wollgras, Sumpfblutauge oder Moor-Klee würden davon profitieren.

Die jüngste Pflanzaktion der erfolgte im Rahmen eines sogenannten Ex-situ-Projekts des Botanischen Gartens Frankfurts. Dieses sieht vor, insgesamt 15 seltene Pflanzenarten, für die das Land Hessen eine besondere Verantwortung trägt, gärtnerisch zu vermehren und später wieder am natürlichen Standort auszubringen. Finanziert wird das 2014 gestartete Projekt von der KfW-Stiftung. Die Erfolgskontrolle für die Sumpf-Fetthenne, auch Drüsige oder Haarige Fetthenne genannt, übernimmt das Netzwerk Rhönbotanik mit seinen über 50 ehrenamtlichen Helfern unter Leitung von Uwe Barth. Der Rhönbotaniker war es auch, der für den Botanischen Garten das Saatgut für die Sumpf-Fetthenne auf Steinkopf, Stirn- und Mathesberg gesammelt hat.

Auf jeden Fall herrschen bei der Pflanzung erfolgversprechende Bedingungen: Es regnete, während Uwe Barth, Martin Kremer und Johannes Märkert, Praktikant beim BRR, mit den 200 Pflänzchen durch den Morast stapften. Möglicherweise zeigen die ersten Neuzugänge bereits in einigen Tagen ihre blassrosa Blüten, während die im Rhöner Klima gewachsenen Haarigen Fetthennen wohl etwas später blühen.

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