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Eltern, die Kind zur Adoption abgeben, oft als „Rabeneltern“ bezeichnet

100409_AdoptionFulda/Hanau/Kassel/Marburg (bpf). Eine in Australien durchgeführte Untersuchung zum Verhalten von Rabenvögeln ergab: Raben sind sehr soziale, intelligente und verantwortliche Tiere. Sie leben in Gruppen von mehreren Tieren, sind ausgesprochen gesellig, unterstützen und helfen sich gegenseitig. Die Rabengemeinschaft baut gemeinsam ein Nest, in das mehrere Weibchen ihre Eier legen. Das Brüten bleibt nicht nur einer Mutter überlassen, sondern wird reihum von allen übernommen. Auch das Füttern der Jungen, was eine sehr stressige Aufgabe sein kann, wird von allen übernommen. Wie viele Rabenkinder überleben, hängt in erster Linie von der Zahl der Helfer ab. Alleinbrütende Krähenpaare, so die Untersuchung, waren mit den Aufgaben des Brütens, Futtersuchens und Wachens über den Nachwuchs überfordert, und es überlebten weniger Junge. „So fremd war diese Praxis eine Zeit lang auch bei uns nicht“, ruft der Adoptionsdienst des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) im Bistum Fulda in Erinnerung. Man brauche nur an die Nachkriegszeit in Deutschland zu denken. „Da war es selbstverständlich, daß eine kinderreiche Familie bzw. Mutter, wo der Vater vielleicht nicht aus dem Krieg zurückkehrte, ein oder mehrere Kinder in die Verwandtschaft oder zu Nachbarn gab, damit diese für das Kind sorgten.“

„Aus Liebe und Verantwortung handeln auch Mütter oder Väter, die sich in schwieriger persönlicher Lage dazu entschließen, ein Kind zur Adoption freizugeben.“ Davon sind die drei Mitarbeiterinnen des Adoptionsdienstes des SkF, Gerlinde Felmeden-Plass, Barbara Gröger-Schmitt und Brunhilde Lindner, aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung mit abgebenden Eltern überzeugt. Eine solche Entscheidung mache sich niemand leicht, betonen sie. „Oft leiden die Frauen ein ganzes Leben lang darunter“. Mit ihrer Entscheidung, ihr Kind zur Adoption freizugeben, riskiere eine Frau in der Gesellschaft Unverständnis und Ablehnung. In den meisten Fällen handelt es sich um Frauen, die sich in einer für sie scheinbar ausweglosen Situation und Hoffnungslosigkeit befinden. Die drei Beraterinnen arbeiten bistumsweit von Bad Karlshafen bis vor die Tore Frankfurts und von Marburg bis ins Geisaer Land als staatlich anerkannte Adoptionsvermittlungsstelle, aber auch als Anlaufstelle für Adoptierte auf der Suche nach ihrer Herkunft und für ehemals abgebende Mütter auf der Suche nach Kontakt zu ihren leiblichen Kindern.

Zentrales Anliegen der Beraterinnen ist es, die gesellschaftliche Wertschätzung für abgebende Eltern bzw. Mütter oder Väter zu stärken. Zu ihnen kommen alleinstehende Frauen und auch Ehepaare in Not, die ihr Kind nicht selbst versorgen können und sich mit dem Gedanken an eine Adoption tragen. Der SkF-Adoptionsdienst begleitet nicht nur die aufnehmende Familie und das Kind, sondern auch die abgebende Mutter oder Familie. Dabei setzen alle Beratungen gegenseitiges Vertrauen voraus, das durch Gesprächsangebote in „geschützten Raum“ gewonnen wird. „Für viele Frauen sind wir oft der einzige Gesprächspartner, der sich für sie Zeit nimmt, und das über Jahre hinaus“, heben sie hervor. „Die Situation vieler Frauen und Familien ist deshalb so schwierig geworden, weil die Armut in den letzten Jahren sehr zugenommen hat.“ Die Beraterinnen helfen den abgebenden Frauen und Familien, die Entscheidung eigenverantwortlich zu treffen. „Viele Frauen haben uns später wissen lassen, daß sie zwar unter der Abgabe des Kindes leiden, aber daß sie die richtige Entscheidung getroffen haben.“ Die Betroffenen können selbst entscheiden, wieviel Distanz oder Nähe sie im Adoptionsverfahren zulassen wollen. Abgebende Mütter oder Eltern werden in die Auswahl der künftigen Adoptiveltern mit einbezogen, wenn sie es wünschen.

„Adoption ist eine Angelegenheit, die in bezug auf die abgebende Seite viele Menschen verunsichert, wohingegen adoptierende Eltern ein hohes Ansehen genießen“, geben die Beraterinnen zu bedenken. Das gehe auf seiten der zur Abgabe entschlossenen Frauen und Familien mit einer nur zu berechtigten Angst vor sozialer Ausgrenzung einher, die zu den eigenen Gewissensbissen noch hinzutrete. „Wer bringt schon Verständnis auf für eine Frau, die ihr Kind weggibt und dann noch darüber klagt, daß sie es vermißt“, skizzieren die Beraterinnen die Haltung vieler Menschen. Die Frauen selbst haben Angst davor, daß sich das Kind seiner leiblichen Mutter schämen könnte. Diese Ängste durch Respekt und Wertschätzung gegenüber Familien, die sich in Not befinden und eine schwierige Entscheidung treffen müssen, zu ersetzen, ist eines der wichtigsten Anliegen der Adoptionsstelle des SkF.

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