Kleinsassen. Papier sei geduldig, heißt es, aber auch dass man das, was „schwarz auf weiß“ darauf geschrieben steht, getrost nach Hause tragen könne. Es ist ebenso Träger anrührender Gedichte, wie flammender Pamphlete, informativer Zeitungsberichte, zarter Liebesbriefe und bunter Werbeprospekte. Und wenn es weiß und unberührt vor einem liegt, hat es schon bei so manchem Literaten eine Schreibblockade und bei so manchem Künstler eine Schaffenskrise ausgelöst.Bei Eva Yeh ist das anders. Die Künstlerin will das Papier nicht beschriften oder bedrucken. Sie nimmt das Papier selbst in den Blick, als Grundstoff ihrer Objekte und Installationen. Mal transparent und federleicht, mal fast massiv und metallisch, das vielgestaltige Aussehen des Papiers und seine Eigenschaften, sich rollen, falten, zurechtschneiden, schichten und verkleben zu lassen, reizt sie in allen Varianten aus. Besonders Gebrauchspapier, wie Zeitungen oder Packpapier, reizen sie. Das Ergebnis sind überraschend poetische Objekte, die meist aus einer Unmenge von Einzelelementen zusammengesetzt sind.
So schafft sie es z.B. in ihrer Arbeit „Glut“ sogar ein dem Papier so feindlich gesonnenes Element wie das Feuer mit Hilfe sich windender Papierlohen überzeugend darzustellen, in ihrer Arbeit „Amitié“ ein einprägsames Bild für die menschliche Erfahrung der Freundschaft mit Hilfe in Streifen gerissener Originalkorrespondenz langjähriger Freunde aus Frankreich zu formen, die wie eine zarte Pflanze aus einem schwarzen Sockel emporwachsen oder die musikalische Anweisung „Staccato“ sinnbildlich zu machen.
Egal ob sie in ihren Arbeiten Sinnsprüche, Eigenschaften, Zustände oder Prinzipien wie „Rhythmus“, Emotionen wie „Wissbegierde“ oder Phänomene wie „Mythos“ ausdrückt, in all ihren Arbeiten ist das Streben nach Gleichgewicht in der Komposition, Farbharmonie und Ausgewogenheit zwischen filigranen und festen Anteilen spürbar, aber auch die Suche nach einer äußeren, den Raum gestaltenden Form für innere Wirklichkeiten. Und immer verändern sich die dreidimensionalen Objekte im wandernden Tageslicht und wenn man sie umrundet. Sie bieten bei jeder Veränderung des Blickwinkels eine Vielzahl von Bildern, eine neue Silhouette und einen neuen Schattenwurf. Fast scheint es so als lebten sie, als könnten sie sich bewegen.
Aus China stammt die in Gießen lebende Künstlerin. Gebürtig aus Shanghai, studierte sie in Hongkong, Paris und Nizza. Besonders durch den Einfluss von Prof. Georges Locret im Atelier d’Art Mural in Nizza, dessen Meisterschülerin sie war, entwickelte sich ihr spezielles Interesse an dem Werkstoff Papier. In Frankreich erhielt sich auch mehrere Auszeichnungen, darunter ein Stipendium des französischen Kultusministeriums. Nach einer Zwischenstation in Hongkong lebt sie seit 1974 in Deutschland. Ihre Ausstellungsbiographie verzeichnet Schauen in Hongkong, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Polen, Österreich, Spanien, der Schweiz und den USA.
Dementsprechend ist sie mit dem ganzen Spektrum moderner Bildsprachen vertraut und nutzt es für sich. Dennoch ist auch die kulturelle Prägung Eva Yehs in all ihren Arbeiten spürbar. Man kann über ihre Titel meditieren, über den philosophischen Anspruch der dargestellten Inhalte, aber auch über den Reiz ihrer äußeren Form, denn Eva Yehs Objekte haben ähnliche ästhetische Qualitäten wie ein raffiniert angelegter chinesischer Garten mit all seinen anregenden, inspirativen aber auch beruhigenden Ausblicken.
Die Ausstellung von Eva Yeh wird am Sonntag, den 26. Oktober 2008 um 15 Uhr eröffnet. Dr. Friedhelm Häring, Direktor des Oberhessischen Museums Gießen, wird in das Werk der Künstlerin einführen.
Regelmäßige Öffnungszeiten der Kunststation und des Cafés: Di – So 13 – 17 Uhr. Eintritt 3 €, ermäßigt 1,50 € (auch an Vernissagentagen), Kinder und Schüler frei. Führungen nach Vereinbarung.
Weitere Informationen zur Kunststation Kleinsassen unter www.kleinsassen.de oder telefonisch unter 06657-8002, Adresse: An der Milseburg 2, 36145 Hofbieber-Kleinsassen

